Independentfilme : Phoenix in Sack und Asche

"Unknown Pleasures": Das Kino Babylon Mitte zeigt Independentfilme aus den USA. Falls das Programm repräsentativen Charakter besitzt, steckt das US-Indie-Kino in einer Regie-Krise.

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Traurige Teenager in Matthew Porterfields semidokumentarischem Film „Putty Hill“.
Traurige Teenager in Matthew Porterfields semidokumentarischem Film „Putty Hill“.Foto: Festival

Ende Oktober 2008 hat Joaquin Phoenix seinen Abschied vom Schauspielerberuf erklärt. Fortan würde er nur noch als Rapper auftreten. Wo immer er sich seitdem zeigt, macht er einen verwirrten Eindruck und ist mit Vollbart und Bierbauch kaum wiederzuerkennen. Dennoch hält das öffentliche Interesse sich in Grenzen. Im Zeitalter von Britney Spears und Amy Winehouse liegt die Messlatte hoch für Stars, die ihr Publikum schockieren wollen. Casey Affleck ließ sich davon nicht beirren und hat Phoenix ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis, „I’m Still Here“, ist bei „Unknown Pleasures“ zu begutachten, dem American Independent Film Fest, das zum dritten Mal im Kino Babylon Mitte stattfindet.

„I’m Still Here“ hätte die Tragödie eines lächerlichen Mannes sein können, der jede erdenkliche Demütigung auf sich nimmt, um in der Hip-Hop-Szene Gehör zu finden. Es ist aber tatsächlich nur eine Pseudo-Doku, ein mockumentary. Die Demütigungen wirken gestellt, nie entsteht der Eindruck echter Verzweiflung. Die ausgeleierte Hose, die Phoenix von den schwammigen Hüften rutscht, ist offenbar maßgeschneidert worden – damit sie rutscht. Phoenix bestellt Callgirls, wobei er analfixierten Dirty Talk brabbelt. Der skandalträchtigste Vorgang, eine Darmentleerung, wird nur angedeutet – zum Glück, möchte man sagen, und doch zum Schaden eines Films, der pausenlos mit der Tabuüberschreitung kokettiert.

Die Härte, zu der Affleck und Phoenix der Mut fehlt, liefert Harmony Korine mit „Trash Humpers“. Das ist peinliches, hässliches Kino von unten, nach den Worten des Regisseurs eine „Ode an den Vandalismus“. Vier Gestalten mit Greisenmasken machen die Straßen von Nashville unsicher, sprechen mit übertriebenem Südstaatenakzent, rammeln Mülltonnen und filmen sich dabei. Heftig ist „Trash Humpers“ vor allem für die Ohren: Minutenlang imitiert der Regisseur einen Hahn.

Zwei Dokumentationen über selbstzerstörerische New Yorker Künstler bilden ein Kontrastprogramm: „Jean-Michel Basquiat: The Radiant Child“ besteht aus Interviews, die Tamra Davis 1985 mit der früh verstorbenen Graffiti-Legende geführt hat, doch sie erklärt auch den kulturellen Kontext, lässt Freunde und Kollegen zu Wort kommen. Dagegen verlangt Steven Soderberghs „And Everything Is Going Fine“ Vorkenntnisse und ein Gespür für Nuancen der englischen Sprache: Das Porträt des Vortragskünstlers Spalding Gray, der 2004 tot aus dem East River geborgen wurde, besteht komplett aus dessen Monologen.

Falls das „Unknown Pleasures“-Programm repräsentativen Charakter besitzt, steckt das US-Indie-Kino in einer Regie-Krise. Die Filme befassen sich mit Menschen und Milieus, die im Mainstream keine Beachtung finden, das ist schön. Aber es fehlen originelle Perspektiven, die ein geringes Budget ausgleichen. Brett Haleys Charakter- und Milieustudie „The New Year“ ist ausschließlich wegen der Hauptdarstellerin Trieste Kelly-Dunn sehenswert, die als hartgesottene Frau hinter der Theke eines Bowlingcenters überzeugt. Doch bei aller Liebe zu den Figuren bemüht sich der Regisseur kaum bei Ausleuchtung, Musik oder Schnitt. Er filmt einfach drauflos. Daran krankt auch Matt Porterfields halbdokumentarischer „Putty Hill“, in dem echte Kleinstädter um einen fiktiven Drogentoten trauern. Die Trauerrituale sind stimmungsvoll eingefangen – von den Laiendarstellern, nicht vom Personal hinter der Kamera.

Ästhetische Zurückhaltung kann man Francis Ford Coppola nicht vorwerfen. Sein Familiendrama „Tetro“ wirkt von der ersten bis zur letzten Einstellung perfekt durchkomponiert, schwarz-weiß mit einigen farbigen Rückblenden. Ein Matrose (Alden Ehrenreich) besucht in Buenos Aires seinen älteren Halbbruder (Vincent Gallo); sie erinnern sich an ihre toten Mütter und den unnahbaren Übervater (Klaus Maria Brandauer als Dirigent Carlo Tetrochini). Voller Spannung erwartet der Zuschauer die Aufdeckung von Familiengeheimnissen. Doch schon früh erweist sich: Dieser Film ist eine Totgeburt.

Coppola erklärt gern, jetzt könne er endlich Filme seiner Wahl drehen, frei von kommerziellen Zwängen. Aber schon lange wirkte kein Film mehr so zwanghaft wie „Tetro“. Nie darf der Zuschauer sich den Bildern und der Erzählung hingeben, weil er ständig die langwierigen Beleuchtungs- und Stellproben vor Augen hat. Coppola steht vor demselben Problem wie Joaquin Phoenix: Er kann viel, aber zu viel Unabhängigkeit schadet ihm. Schade, so etwas angesichts eines Festivals des unabhängigen Films erklären zu müssen.

Bis 16. Januar im Kino Babylon Mitte, Programm: www.unknownpleasures.de

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