Interview : ''Blockbuster vertragen auch ernsthafte Themen''

Der Film "Admiral" ist einer der wenigen russischen Produktionen, die auch international Aufmerksamkeit genießen. Der Tagesspiegel sprach mit dem Regisseur Andrej Krawtschuk über das Filmemachen in Russland.

Herr Krawtschuk, Ihr Film „Admiral“ porträtiert den zaristischen Flottenkommandeur Alexander Koltschak, der nach der Oktoberrevolution den Kampf gegen Lenins Truppen anführte. Warum diese für Russland so ungewöhnliche Perspektive?



Koltschak ist eine markante, ungewöhnliche Persönlichkeit. Wegen seiner Rolle im Bürgerkrieg hatte das sowjetische Russland natürlich ein hasserfülltes Verhältnis zu ihm. Mein Film strebt keine Neubewertung der Geschichte an, sondern versucht, Geschichte ohne ideologische Wertungen zu begreifen. Jeder Krieg und jede Revolution bringt Menschen dazu, sich gegenseitig umzubringen, weil jeder seine eigene Wahrheit hat. Gleichzeitig gibt es in solchen Konflikten immer Persönlichkeiten, die ihre Würde und Menschlichkeit bewahren, das hat mich an der Geschichte interessiert. Natürlich hat der Film in Russland massive Kontroversen ausgelöst. Ein großer Teil unserer Gesellschaft ist bis heute nicht in der Lage, sich ohne Schuldzuweisungen mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Aber genau deshalb hat es mich gereizt, die Ereignisse aus der Sicht eines Menschen darzustellen, der in ihnen umgekommen ist.

In Russland gab es in letzter Zeit viele Filme über historische Themen. Warum?

Drei Gründe: Zum einen ist die russische Geschichte reich an dramatischen Wendungen, die interessant zu erzählen sind. Hinzu kommt vielleicht ein gewisse Müdigkeit gegenüber den vielen russischen Filmen über die Jetztzeit, die entweder von Gangstern und Milizionären handeln oder davon, wie schlecht wir leben. Der wichtigste Grund aber ist, dass die Entwicklung des russischen Kinomarktes erst jetzt historische Filme ermöglicht. Solche Filme sind logistisch und finanziell sehr aufwendig, man braucht Technik, man braucht hochprofessionelle Mitarbeiter und materiellen Spielraum.

Und diesen Spielraum gibt es heute im russischen Film?

Ja, weil die Zuschauer im Laufe der letzten Jahre verstärkt ins Kino gegangen sind und angefangen haben, russische Filme zu sehen. Es gab einige Präzedenzfälle, die bewiesen haben, dass russische Produktionen ein großes Publikum anziehen und Geld einspielen können. Das hat eine sehr aktive Entwicklung des russischen Filmmarkts in Gang gesetzt. Natürlich ist es nun, im Zuge der Finanzkrise, schwer abzusehen, wie es mit dieser Entwicklung weitergehen wird. Aber es bleibt die Hoffnung, dass man in Russland inzwischen nicht nur mit Komödien und Ballerfilmen Erfolg haben kann, sondern auch mit schwierigeren, düsteren Filmen wie meinem „Admiral“, den inzwischen mehr als sechs Millionen Menschen in Russland gesehen haben.

Man spricht in Russland in letzter Zeit gerne von den „neuen russischen Blockbustern“. Wie unterscheiden sich diese Großproduktionen von amerikanischen Hollywoodfilmen?

Erstens gibt es in Russland bisher nur wenige Filme dieser Kategorie, zweitens sind die Budgets in Amerika deutlich höher. Viele „russische Blockbuster“ halten sich an erprobte Muster, oft an amerikanische Vorbilder. Als wir den „Admiral“ drehten, haben wir darüber nicht viel nachgedacht. Wir wollten einen visuell und emotional überzeugenden Film machen, über einen Teil der Geschichte, der uns beschäftigte. Und unser Film hat gezeigt, dass die Zuschauer so etwas annehmen, dass auch ein ernsthafter Film in der Lage ist, sich zu verkaufen.

Welche Chancen sehen Sie für russische Filme auf dem internationalen Markt?

Beim russischen Filmfestival in Paris vor ein paar Wochen hatte der „Admiral“ drei Vorstellungen. Alle waren Tage im Voraus ausverkauft, bei den Vorstellungen saßen die Leute auf den Treppen. Meine Produzenten führen bereits Gespräche mit amerikanischen Verleihern, und es wäre nicht das erste Beispiel eines russischen Films, der nicht nur auf internationalen Festivals, sondern auch in den Kinos erfolgreich läuft.

Das Gespräch führte Jens Mühling

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