Interview : Die Stille nach der Geburt

Emily Atef ist Franco-Iranerin und in Berlin geboren. Ihr neuer Film "Das Fremde in mir“ erzählt die Geschichte einer jungen Mutter, die nach der Geburt ihres Sohnes in eine Depression fällt. Der Film lief bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes und kommt jetzt in die Kinos.

Interview von Jasmin Rietdorf
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Im Café Hackbarth's in Mitte: Die Berliner Regisseurin Emily Atef kommt gern hierher, um über ihren neuen Film zu reden. -Foto: Jasmin Rietdorf

Frau Atef, haben Sie Kinder?



Nein, ich habe keine Kinder. Auch die Hauptdarstellerin Susanne Wolff hat keine Kinder. Ich wollte für die Rolle der Rebecca am liebsten eine Schauspielerin haben, die nie diese Bindung zum eigenen Kind gefühlt hat. Es ist leichter und überzeugender, die Distanz zu dem Kind, die Unsicherheit zu spielen. Als ich Susanne Wolff dann gesehen habe, war mir klar, dass sie diese Rolle spielen sollte. Wenn sie Kinder gehabt hätte, hätte ich sie auch genommen.

Sie erzählen die Geschichte einer jungen Mutter, die nach der Geburt ihres Sohnes nur Hilflosigkeit und Angst empfindet. Das Phänomen heißt postpartale Depression, auch Wochenbettdepression genannt. Wie kamen Sie auf das Thema?

Ich bin in einer Phase meines Lebens, wo mich das Muttersein und -werden beschäftigt. Ich habe viele Freundinnen, die inzwischen Mütter sind. Als neugieriger Mensch frage ich natürlich, wie das ist. Da habe ich gemerkt, dass viele Frauen, auch wenn sie die Krankheit nicht haben, die erste Zeit nach der Geburt sehr schwierig fanden, dass sie hilflos waren. Sie haben gar nicht gleich Liebe empfunden, sie mussten es erst lernen. Darüber zu sprechen, fällt jedoch schwer.

Wird die Wochenbettdepression tabuisiert?

Es schwebt ein unglaublich großer Heiligenschein über der Mutterschaft. Weil die Erwartung in der Gesellschaft so groß ist, ist es so befremdend, wenn die Frauen dem Bild nicht entsprechen - obwohl die postpartale Depression seit einiger Zeit als Krankheit erkannt ist. Weil man so wenig darüber redet, denken die Frauen, dass sie total alleine sind. Sie denken, sie sind selbst schuld, sind nicht normal. Es ist eine einsame Krankheit, weil sie sich nicht trauen, darüber zu sprechen. Ich bin überrascht, dass es heute noch ein Tabu ist, wenn eine Mutter nicht 'funktioniert'. Ich bin auch mit dem eigentlich wunderbaren Gedanken aufgewachsen, dass eine Mutter ihr Kind automatisch liebt. Aber warum sollte es so einfach sein, wenn keine zwischenmenschliche Beziehung so einfach ist.

Hat das Tabu etwas mit dem Streben der heutigen Gesellschaft nach Perfektion zu tun?

Ich glaube, es ist älter. Nach einer Pressevorführung sagte ein Journalist, in seiner Generation hätte es so etwas nicht gegeben. Es wurde damals nicht darüber geredet und vielleicht sollte man Frauen so etwas auch nicht zeigen. Das ist Blödsinn. Ich wüsste nicht, warum die Krankheit damals seltener gewesen sein sollte als heute. Es gibt vielleicht eine andere Art sie auszuleben. Wir Frauen sind jetzt selbständiger, wir leben nicht mehr in einer Großfamilie. Wir leben in der anonymen Stadt, die Mutter und die Großmutter wohnen nicht mehr bei uns um die Ecke. Wir sind auf außerfamiliäre Hilfen angewiesen und treten mit der Krankheit nach draußen. Es ist wichtig zu zeigen, dass es jeder Frau passieren kann. Uns war wichtig, die Hauptfigur Rebecca als selbstständig und stark zu beschreiben. Sie ist Anfang 30, hat ein eigenes Geschäft, freut sich auf ihr Kind und ist in einer sehr guten Beziehung. Bei ihr denkt man sich, sie wird das auf jeden Fall packen. Auch sie selbst hat unglaubliche Erwartungen an sich. Als sie das kleine Wesen nach der Geburt auf den Bauch kriegt und nichts fühlt, erwischt sie die Depression völlig unerwartet.

Wie ist die Figur der Rebecca und ihre Geschichte entstanden?

Meine Co-Autorin Esther Bernstorff und ich haben mit sehr vielen Frauen geredet, auch mit einer Fachpsychologin hier in Berlin, um zu prüfen, ob das soweit alles korrekt geschildert ist. Dann haben wir uns reingedacht. Die Einsamkeit von Rebecca haben wir versucht in Bildern einzufangen. Die Krankheit ist wegen der Sprachlosigkeit der betroffenen Frauen sehr oft mit Stille verbunden. Ich wollte dass die Zuschauer mitfühlen und weniger beurteilen.

Ihre Liebe zu den Nebenfiguren ist auffallend…

Nebenfiguren sind so wahnsinnig spannend. Deshalb ist es so wichtig für mich, sie gut zu besetzen, ihnen Raum zu geben. Ich bin selbst ein sehr strenger Zuschauer und gucke sie mir immer ganz genau an. Und es ist so wunderbar, wenn die Schauspieler wirklich ein Ensemble sind. Das Thema zwingt auch dazu. Jeder in Rebeccas Umfeld ist von ihrer Krise betroffen: das Kind, der Kindsvater, die Familie und Freunde.

Wie war die Arbeit mit einem Baby am Set?

Schwierig. Ich kann kein Baby inszenieren. Wenn es schreit, dann schreit es. Wir hatten immer zwei Babys. Wenn eines nicht wollte, war das andere dran. Wir haben ein Mütter-Casting gemacht, weil wir Mütter brauchten, die entspannt waren. Außerdem bin ich so pingelig: Wenn ich Filme sehe, wo ein Baby geboren wird und man sieht es ist schon zwei Monate alt, kann ich das nicht leiden. Wir hatten also für die Szenen nach der Geburt, während der Depression und der Heilung entsprechend alte Babys.

Welche Szene war besonders schwierig?

Eine Szene hat uns allen Angst gemacht: Rebecca badet ihren Sohn und ringt mit sich, ihn zu ertränken. Wir hatten uns vorgestellt, dass das Baby nicht weinen würde. In der Recherche kam heraus, dass die Babys von diesen Frauen auch langsam depressiv werden. Weil die Mütter nie mit ihnen reden, fangen sie an, leiser zu werden, sie schreien nicht mehr. Ich war mir aber sicher, das krieg ich nicht. Natürlich würde ein Baby brüllen. Damit muss man als Regisseur leben, da würden wir schon eine Lösung finden.

Und was passierte?

Als das Baby im Wasser war, guckte es nur und sagte nicht einen Laut. Diese Szene mit dem ruhigen Baby ist viel dramatischer als mit einem schreienden Kind. Die magischen Momente, die ich bekommen habe, hätte ich so nicht inszenieren können. Die Mutter hat uns dann später gesagt, dass der Kleine das Baden liebt. Und natürlich hatten wir immer eine Hebamme im Raum, die die Handtücher vorgewärmt hat.

Was soll der Film leisten: Unterhaltung oder gesellschaftliches Engagement?

Ich wollte nicht nur ein Portrait über eine Krankheit machen, sonst hätte ich einen Dokumentarfilm gedreht. "Das Fremde in mir" ist ein Portrait über eine Frau, die in eine Krise gerät und alles mit sich hineinzieht. Es ist aber auch eine Liebesgeschichte zwischen diesem jungen Paar, das sich auf sein Kind freut. Dann werden sie zu Fremden, wegen eines Missverständnisses, einer fehlenden Kommunikation. Am Ende ist da wieder eine Hoffnung: Vielleicht werden sie sich näher kommen als je zuvor.

Dennoch hat der Film einen ernsten Hintergrund…

Der Film soll Unterhaltung sein, es ist Fiktion, es ist Kino. Natürlich würde ich mich unglaublich freuen, wenn die Leute über postpartale Depressionen reden. Es wäre toll, wenn sich die betroffenen Mütter nicht mehr schämen müssten. Ich habe Freundinnen, die schwanger sind und mich fragen, sollen wir da rein gehen? Natürlich! Man sieht doch, dass diese Krankheit heilbar ist. Auch wenn es hart ist, geht rein. Und sprecht darüber.

"Das Fremde in mir“; Regie und Drehbuch: Emily Atef, 99min, ab 16. Oktober im Kino

Sondervorstellungen in Kooperation mit der bundesweiten Hilfsorganisation zur postpartalen Depression "Schatten & Licht“ und in Anwesenheit von Emily Atef u.a. in Berlin am 21. Oktober um 17 Uhr in den Neuen Kant Kinos und um 20 Uhr in den Kinos in den Hackeschen Höfen

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