Israel : Ajami: Stell dir vor, es bleibt Krieg

Jüdisch und palästinensisch: "Ajami" erzählt von Religionsfehden und Drogenkartellen in Tel Aviv. Einen ähnlich vitalen, verzweifelten Film aus Israel hat man im Kino noch nicht gesehen, noch dazu von einem palästinensisch-jüdischen Regie-Duo.

von

Kann man Leid gegeneinander aufrechnen, Auge um Auge, Mord um Mord? Der Richter im Beduinendorf, irgendwo im Süden Israels, tut genau das: eine Querschnittslähmung gegen eine leichtere Verletzung plus ein Verwechslungsmord am Nachbarsjungen, multipliziert mit den seitdem verstrichenen Tagen minus Härtefallrabatt und 7000 Shekel für Gott. Der Nahostkonflikt als Grundrechenart: Die Männer in diesem schmucklosen Raum reden wild durcheinander, ob die Summe für Gott nicht höher taxiert werden muss. Schließlich soll die Fehde zwischen dem Beduinenclan und der Araberfamilie mittels richterlich ermittelter Schuldgeldzahlung beigelegt werden.

Eine aberwitzige Gerichtsfilmszene: Der junge Omar sitzt schweigend dabei. Die Summe, mit der er sich aus dem Teufelskreis der Blutrache freikaufen soll, ist mit umgerechnet 56 000 Dollar so hoch, dass er sie niemals wird aufbringen können, jedenfalls nicht auf legale Weise.

Omar fährt nach Hause, nach Ajami, dem Armenviertel von Jaffa. Er ist nur einer der Protagonisten von Scandar Coptis und Yaron Shanis vielfach preisgekröntem (und gerade bei den Auslands-Oscars leer ausgegangenem) Film, dem Porträt eines Stadtteils, in dem der Krieg niemals aufhört. Nachbarsstreit, Überlebenskampf, Drogenkrieg, Razzien, archaische Religionsfehde: Die zunächst heitere Beschwerde eines jüdischen Bewohners über die blökenden Schafe der arabischen Nachbarn mündet in eine tödliche Messerstecherei. Das moderne Tel Aviv ist nur ein paar Autominuten entfernt. Einen ähnlich vitalen, verzweifelten Film aus Israel hat man im Kino noch nicht gesehen, noch dazu von einem palästinensisch-jüdischen Regie-Duo.

Omar (Shahir Kabaha) ist 19, Moslem, Familienoberhaupt mit Geldsorgen. Er liebt Hadir, die Christin, deren Vater, Omars Boss, ihr die Ehe mit einem Moslem niemals erlauben würde. Omars junger Freund Malek (Ibrahim Frege) jobbt ebenfalls im Restaurant des reichen Geschäftsmanns, er ist illegal aus den Palästinensergebieten gekommen und weiß nicht, wie er das Geld für die Operation seiner sterbenskranken Mutter auftreiben soll. Der lebenslustige Binj (gespielt von Regisseur Copti) sorgt für Spaß in der Küche, aber kaum will er zu seiner jüdischen Freundin nach Tel Aviv ziehen, bezichtigen ihn die Kumpels des Verrats an seinem Volk. Und da ist Nando, der jüdische Polizist, der bei den täglichen Einsätzen sein Leben riskiert und den Verdacht hegt, dass sein Bruder als Soldat von Palästinensern ermordet wurde.

Man nennt es Schmelztiegel, aber das Wort will nicht passen. Zu jäh geraten in dieser Druckkammer der Vergeblichkeiten die Verhältnisse auf Kollisionskurs. Die Araber können auch Hebräisch, aber der verrückte Sprachenmix täuscht nicht darüber hinweg, wie explosiv das Völkergemisch von Ajami tatsächlich ist.

Die Regisseure nennen es „absoluten Realismus“. Die schicksalhaft ineinander verschränkten Episoden basieren auf wahren Ereignissen; dreieinhalb Jahre haben sie am Script gearbeitet, dann 23 Tage mit Laiendarstellern nach dem Ken-Loach-Prinzip gedreht – ohne den Fortgang der Geschichte zu verraten – und ihren polyphonen Ensemblefilm nach dem „Babel“-Prinzip eineinhalb Jahre lang im Schneideraum zusammengesetzt. Das Ergebnis ist eine Tragödie von griechischem Ausmaß, authentisch und intensiv wie ein Dokumentarfilm.

Der Kampf, sagt Regisseur Shani, findet nicht zwischen Gut und Böse statt, sondern zwischen guten Menschen, die ein unterschiedliches Verständnis von dem haben, was geschieht. Omars kleiner Bruder zeichnet Comics über Omar, Malek und die anderen. Er macht sich ein Bild, er hat Angst, er ahnt Schlimmes, er warnt, bettelt – und überlebt es nicht. Vor den Vätern sterben die Söhne, die jüngsten, die Kinder. Die arabischen und hebräischen Abspanntitel, friedlich nebeneinander: eine ferne Utopie.

Broadway, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Neues Off; OmU Hackesche Höfe und Moviemento

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben