Kino : Der falsche Maestro

Er ist Spezialist für ungewöhnliche Fakes. Radu Mihaileanu kreiert in "Das Konzert" eine Täuschungskomödie mit frechem Charme.

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Bekannt wurde der in Frankreich lebende rumänische Regisseur Radu Mihaileanu 1998 mit der Tragikomödie „Zug des Lebens“. Darin stellen jüdische Dorfbewohner einen fiktiven Deportationszug zusammen, um statt ins KZ in die Freiheit zu rattern. Auch „Das Konzert“ bezieht seinen Charme aus einem frechen Täuschungsmanöver: Diesmal geht es um ein falsches Bolschoi-Orchester – und um die Widersprüche im neuen Russland.

Die Musiker sind allerdings echt. Zu Breschnews Zeiten war der Star- Dirigent Andrei Filipov (Alexei Guskov) ausgerechnet während Tschaikowskys berühmtem Violinkonzert geschasst worden, weil er sich weigerte, die jüdischen Musiker auf die Straße zu setzen. Jetzt jobbt er als Putzmann im Bolschoi und dirigiert bei den Proben heimlich mit, während seine Frau den letzten linientreuen Kommunisten die Claqueure für deren anachronistische Moskauer Kundgebungen besorgt.

Russland heute, Schwarzmarkt der Überlebenskünstler, ist eine tagtägliche Farce: Improvisation statt Revolution heißt die Devise. Mengenweise destilliert Mihaileanu Miniaturgrotesken aus dem widrigen Alltag der als Krankenwagenfahrer oder Porno-Soundingenieure jobbenden Streicher und Bläser. Denn als Andrei auf dem Faxgerät im Direktorenzimmer eine Einladung des Pariser Théâtre du Châtelet an das amtierende Bolschoi-Orchester entdeckt, hat er eine Idee, die seinen Musik-Kumpels besonders virtuose Fertigkeiten abverlangt – aus dem Stand, denn fürs Üben bleibt keine Zeit.

Ein Plot mit Drive. Andrei trommelt mit dem Cellisten Sascha (Dmitri Nazarov), das alte Orchester zusammen und gibt sich als Bolschoi-Maestro aus. Musikerakquise, Gagenverhandlungen, Passfälschungen en gros: Natürlich geht fast alles schief – und klappt dann irgendwie doch.

Kaum aber landet das Orchester in Paris, dreht die Platte vom drangsalierten, aber unkaputtbaren Moskowiter im Leerlauf. Die Komik weicht der Klamotte, wahlweise der superweichgezeichneten Sentimentalität. Da gehen die Musiker statt zu den Proben nur noch schnellen Geldgeschäften nach – als ob der Kapitalismus in Moskau noch nicht erfunden sei – und am geschäftstüchtigsten sind ausgerechnet der orthodox-jüdische Vater mit Sohn. Antisemitismus als Treppenwitz der Geschichte? Und da ist die Sologeigerin Anne-Marie Jacquet (Mélanie Laurent, die Shoshanna aus „Inglourious Basterds“), deren Suche nach den verschollenen Eltern sie mit dem Bolschoi auf tragische Weise verbindet.

Am Ende bleibt kaum Zeit, die Instrumente zu stimmen, aber klar, das Konzert wird ein Triumph der Menschlichkeit über alle bösen Ideologien. Russen, Franzosen, Juden, Roma – bei Tschaikowsky sind sie friedlich vereint. Schade, dass Mihaileanu letztlich nichts Besseres einfällt als das alte Lied von der völkerverbindenden Macht der Musik.

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