Kino : Nelly und ich

Für „Prinz William, Max Minsky und ich“ wurde die Kinderbuchautorin Holly-Jane Rahlens mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Die Verfilmung ist ein wunderschönes Stück Leinwandkunst.

Christina Tilmann
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Wer bin ich? Nelly entdeckt in der Rahlens-Verfilmung "Max Minsky und ich" die Liebe. -Foto: x-Filme

Filmmutter Lucy Bloom Edelmeister, dunkle Locken, lebhaftes Temperament, leichter Hang zum Chaos, heftiger amerikanischer Akzent, ist verzweifelt. „I love New York“ steht auf ihrem T-Shirt, und nach New York, ihrer Heimatstadt, sehnt sich die der Liebe wegen nach Berlin gekommene Jüdin zurück. Denn nun ist die Liebe, ein eher erfolgloser Bandmusiker (Jan Josef Liefers), mit der Frau vom Café nebenan auf und davon. Und die rebellische Tochter Nelly weigert sich, ihre Bat-Mizwa, die jüdische Einsegnung für Mädchen, entsprechend der Bar-Mizwa für Jungen, zu machen. Und das, obwohl doch schon 150 Einladungen stehen. „Mami, ich heirate doch nicht“, wehrt sich Nelly. „Eben. Heiraten kannst du, sooft du willst. Die Bat-Mizwa feierst du nur einmal.“ Mütterliche Logik.

Lucy Bloom Edelmeister, brillant verkörpert von Adriana Altaras, ist das ein Selbstporträt? Die Autorin Holly-Jane Rahlens, dunkle Locken, lebhaftes Temperament, nur noch leichter amerikanischer Akzent, der Hang zum Chaos ist in der schönen Charlottenburger Altbauwohnung geschickt verdeckt, schüttelt den Kopf. Zwar ist die New Yorker Jüdin ebenso wie ihre Romanfigur einst der Liebe wegen nach Berlin gekommen, aber: „Es ist auch ganz viel von Nelly in mir, diesem eigensinnigen, willensstarken Kind.“ Um dann, nach einer Pause, doch zuzugeben: „Wenn ich ganz ehrlich bin, dieses Etwas-unbedingt-Wollen und immer Nachhaken, das Lucy hat, das kenne ich auch. Und auch, dass sie immer Schwarz trägt: Sehen Sie mich an.“

Mit „Prinz William, Max Minsky und ich“ hatte die Wahlberlinerin Holly-Jane Rahlens 2002 einen Überraschungshit gelandet. Das Buch wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, auch die Hörbuchfassung war höchst erfolgreich. Nun ist seit Donnerstag die Verfilmung „Max Minsky und ich“ in den Kinos – es ist, unter der Regie von Anna Justice, ein wunderbarer Film geworden.

Bücher und Basketball

Deutsch-jüdisch-amerikanisches Alltagsleben im Berlin des Jahres 2007: Die 13-jährige Nelly (Zoe Moore), ein Bücherwurm, schwärmt heimlich für den Prinzen von Luxemburg und will, um ihrem Idol nahezukommen, unbedingt Basketball spielen lernen. Beibringen soll es ihr der rebellische Max Minsky (Emil Reinke), der Nachbarjunge, der zwar Schulprobleme ohne Ende und auch null Bock auf Nachhilfe durch eine unsportliche Streberin hat, aber sich dann doch widerwillig auf einen Deal einlässt. Ein Deal, aus dem eine Freundschaft wird, und vielleicht mehr.

Die Schwärmerei für einen Prinzen, das hat die Autorin selbst erlebt: „Als ich zwölf war, habe ich in der Schulbücherei ein Buch über die Windsors gesehen und mich für etwa eine Viertelstunde in Prinz Charles verliebt“, erzählt Holly-Jane Rahlens amüsiert. Sie kann sich noch gut erinnern, wie sie in der Bücherei saß und sich Gedanken machte, ob der Windsor-Prinz wohl für sie in die USA kommen würde, um in Brooklyn zu leben oder ob sie lieber im Buckingham Palace wohnen würden, mit Gold-Armaturen im Bad, einem Pool und Tennisplatz. Aus dieser Kinderfantasie entstand 1993 eine One-WomanShow für die jüdischen Kulturtage: Die Idee zu Rahlens Buch war geboren.

Inzwischen ist nicht nur Prinz Charles, sondern auch Prinz William, das Idol des Kinderbuchs von 1997, zu alt für solche Schwärmerei, für den Film wurde daher der luxemburgische Prinz Edouard erfunden, der sich praktischerweise wie Nelly für Astrologie interessiert. Das Leben aber, das Nelly in Berlin lebt, ist so selbstverständlich, wie ein deutsch-jüdischamerikanisches Kinderleben in Berlin eben sein kann: etwas exotisch, etwas chaotisch, aber keineswegs unrealistisch. In dieser Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit lag die große Stärke des Buchs. Der Film hat den Ton perfekt bewahrt.

Damentrio berät in allen Lebenslagen

Was nicht heißt, dass Schattenseiten ausgespart blieben: Der Hebräischunterricht zur Bat-Mizwa in der Synagoge Oranienburger Straße durch einen cholerischen Russen (Wladimir Tarasjanz) spiegelt, gewollt oder ungewollt, auch die Zerreißprobe in der Berliner Jüdischen Gemeinde. Und das von Monica Bleibtreu, Rosemarie Fendel und Hildegard Alex brillant verkörperte Trio alter Damen, das Nelly aus dem Altersheim heraus in allen Lebens- und Liebesfragen berät, ist mit wunderbar trockenem Humor ein polnisch-deutscher Zeitzeugenclub.

Mit Kommentaren zur Situation in der Jüdischen Gemeinde hält sich Holly-Jane Rahlens zwar zurück. Und auch mit der Gretchenfrage nach der Religion ist sie selbst noch nicht fertig: „Manchmal denke ich, ich habe das Buch geschrieben, weil ich herausfinden wollte, wie ich dazu stehe.“ Aber die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Familie, die schließlich auch Nelly und Lucy in die Jüdische Gemeinde treibt, die kennt sie gut. Und nicht umsonst legt sie einer ihrer Figuren ihr Credo in den Mund: „Es geht nicht darum, ob man an Gott glaubt, sondern, dass man sich so verhält, als ob es ihn gäbe.“ Und dass selbst die planetenfixierte Nelly schließlich in der Schöpfungsgeschichte ihren Frieden zwischen Religion und Naturwissenschaft findet, das, so Rahlens, ist eine Lösung, mit der auch sie selbst gut leben kann.

Ihr Sohn Noah macht übrigens demnächst seine Bar-Mizwa. Ganz freiwillig.

„Max Minsky und ich“ läuft in Berlin in acht Kinos

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