Kino: "Shotgun Stories" : Shit, Son!

„Shotgun Stories“ von Jeff Nichols ist ein beeindruckendes Familiendrama, das in Arkansas spielt. Die Schicksalswucht der Geschichte hat etwas von einer griechischen Tragödie.

Nadine Lange
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Schweigsamer Typ. Seine harte Jugend hat Son mit seinen beiden Brüdern zusammengeschweißt. -Foto: Fugu Films

Kilometerweit nichts als Baumwollfelder, Landstraßen und Seen – der Südosten von Arkansas ist eine weite, flache Landschaft, in der Menschen völlig verloren wirken. Die Männer fahren hier große Pick-up-Trucks und Vans, um wenigstens ein bisschen Macht und Unabhängigkeit zu demonstrieren. Doch wer in seinem Wagen wohnt, ist ein Verlierer. So wie Boy Hayes (Douglas Ligon), der ständig an seinem klapprigen Wohnmobil herumbastelt. Seinen Bruder Kid (Barlow Jacobs) hat es noch schlimmer erwischt: Er hat kein Auto und campt im Garten des ältesten Bruders Son (Michael Shannon).

Die drei sind schweigsame Typen, zusammengeschweißt durch eine harte Jugend. Ihr Vater war Alkoholiker. Für die Kinder interessierte er sich so wenig, dass er ihnen noch nicht mal richtige Namen gab. Dann verließ er die Familie, gab das Trinken auf, wurde Christ und heiratete wieder. Er bekam weitere vier Söhne, denen er ordentliche Namen gab: Cleaman, Mark, Stephen und John.

intensive und bildmächtige Independentproduktion

Kein einziges Mal ist der Vater in Jeff Nichols’ beeindruckendem Debütspielfilm zu sehen, und doch hängt sein Schatten riesengroß über diesem Familiendrama. Als Son während der Beerdigung den Sarg des Vaters bespuckt, ist das der Beginn einer blutigen Fehde, die sich aus einem seit Jahrzehnten gestauten Hass nährt. Wie zwei überladene Güterzüge bewegen sich die Halbbrüder langsam, aber unaufhaltsam aufeinander zu. Die Schicksalswucht der Geschichte hat etwas von einer griechischen Tragödie. Die Kollision scheint unvermeidlich, doch dann schleichen sich zwei weitere Protagonisten heran und lenken die Züge auf andere Gleise: Es sind der freie Wille und die Vernunft.

„Shotgun Stories“ lief vor zwei Jahren im Forum der Berlinale. Für intensive und bildmächtige Independentproduktionen, wie sie in dieser Reihe immer wieder zu sehen sind, ist Nichols’ Debüt geradezu ein Paradebeispiel. Er blickt mit Liebe auf seinen Heimatstaat Arkansas, den er in wunderbaren Cinemascope-Tableaus (Kamera: Adam Stone) inszeniert. Auch die Bewunderung für Terrence Malicks „Badlands“ ist zu spüren. Doch vor allem traut er den oft als dumpfe Rednecks verschrieenen Südstaatlern mehr zu, als man sonst meist von ihnen zu sehen bekommt.

- Hackesche Höfe und fsk (beide OmU)

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