Kinostart : "Orly": Schöner kann man kaum auf Reisen gehen

Wir sind nur Passagiere und Passanten im Leben anderer. Angela Schanelecs hat mit dem Flughafen-Meditation "Orly" den passenden Film zu diesem Gefühl gedreht.

von
Willkommen und Abschied. Im Gepäck der ersten gemeinsamen Reise hat das junge Paar (Lina Falkner und Jirka Zett) schon das Ende seiner Liebe.
Willkommen und Abschied. Im Gepäck der ersten gemeinsamen Reise hat das junge Paar (Lina Falkner und Jirka Zett) schon das Ende...Foto: Piffl Medien

Dass wir nur Passagiere, Passanten sind im Leben der anderen: Man ahnt es zumindest, wenn man ein bisschen länger auf der Welt ist. Wir begegnen uns im Transitraum verlängerter Augenblicke, dann checkt jemand ein, es können Freunde sein oder Liebespartner oder die Nachgeborenen, und verschwindet mit diesem oder jenem Ziel. Doch auch wer zurückbleibt, ist ein Reisender. Am besten, er schaut auf die Anzeigetafel, dann wird er sein Gate schon finden.

Angela Schanelec, die Minimalistin unter den Regisseuren der Berliner Schule, hat den Film zu diesem Gefühl gedreht. Und den kongenialen Ort dafür zum Titel gemacht: „Orly“ – das ist der in die Jahre gekommene Flughafen am Südrand von Paris, ein Easyjetset-Ziel, von dem aus man auch richtig weit weg fliegen kann. „Orly“, der in seiner vormittäglich gefühlten Realzeit nicht viel länger dauert, als man mit der Metro aus dem Pariser Zentrum in die stadtnahe Peripherie unterwegs ist, verwebt vier, fünf Episoden lose miteinander. Von der einen zur nächsten und zurück und weiter zur übernächsten – so lange, bis ein Zwischenfall passiert, den man jedoch weniger dramatisch als ästhetisch verstehen sollte.

Da ist Sabine, die sich, ein Flugticket in der Tasche, aus der Beziehung zu dem viel älteren Théo herauswindet. Da gerät Juliette, nicht wirklich glücklich verheiratet in Montreal, mit Vincent ins Gespräch, der demnächst seinen Lebensmittelpunkt nach Paris zurückverlegt: Irgendwann könnte man sich, warum eigentlich nicht, wiedersehen. Da sind die Mutter und ihr spätpubertierender Sohn, der ihr im Verlauf eines ätzend kühlen Gesprächs ein lebensveränderndes Geheimnis offenbart. Da ist das ganz junge Paar, das im Rucksackgepäck der ersten großen Reise schon das Ende seiner Liebe mit sich führt. Und da ist das Mädchen vom Check-in, einen Augenblick im Aufenthaltsraum und allein. Mehr nicht. Leute warten, lesen, knabbern was, reden, um sich die Zeit bis zum Boarding zu vertreiben, sitzen, gehen, fotografieren, kaufen noch irgendwas ein. Sollten da jemandem Bekenntnisse oder Erkenntnisse von den Lippen gehen, dann sind sie meistens gar nicht so gemeint.

Bei laufendem Flughafenbetrieb, mithin ohne extra bestellte Statisten, ist „Orly“ entstanden. Zur Bewältigung dieses semidokumentarischen Abenteuers wechselt Kameramann Reinhold Vorschneider zwischen halbnahem Vordergrund und der reduzierten Totalen des Teleobjektivs, aus deren Gewusel die wenigen Spielfiguren schärfentief hervorscheinen wie im Traum. Gleichzeitig hat er souverän den Mittelgrund im Blick, die unfokussierte Masse in ihrer diffusen Bewegung. Ich bin nicht hier, ich bin nicht dort, sondern dazwischen: Diese Architextur allen Reisens setzen die Bilder präzis ins Räumliche um.

Ein solches Kompositionsprinzip und zugleich die kunstvolle Skizzenhaftigkeit der Geschichten beschwören eine Art Trance des Sehens herauf, in der dem Zuschauer bald selber jegliches Zeitgefühl abhanden kommt. Vor Jahren hat Romuald Karmakar in „Manila“ einen ähnlichen Flughafen-Zwischenstillstand zum Anlass einer bissigen, klaustrophobischen Satire genommen. Schanelecs behutsame Erkundungsreise funktioniert genau umgekehrt: Die Figuren, so verloren sie in „Orly“ mitunter auch scheinen, bewegen sich ins Offene hinüber, in ihr fast unmerkliches Verschwinden.

Sonden in die Seelen von ein paar Leuten werden hier gesetzt, nicht mehr, und Natacha Régnier, Bruno Todeschini, Mireille Perrier und Maren Eggert – um nur ein paar Namen der homogenen Besetzung zu nennen – unterspielen das wunderbar exakt. Überhaupt geht nichts schief in „Orly“, bis ins beiläufigst gesetzte Detail hinein. Ein „Man on the Moon“-Plakat etwa tut besonders gut in einem schmucklosen Raum. Oder ein paar – unbeholfen vorgelesene – Zeilen aus Italo Svevos „Zeno Cosini“. Und, einzige Filmmusik, ein sehr, sehr langsamer Song von Cat Power, der die kollektive Enthobenheit im Anonymen zart konterkariert: „Remember Me“. Schöner kann man kaum auf Reisen gehen.

fsk (OmU), Hackesche Höfe (OmU), Kant Kino

0 Kommentare

Neuester Kommentar