Kino : Letzte Worte

„Memory Books“, eine Doku über Aids in Uganda

Kerstin Roose

Der Tod führt die Feder. Harriet, die Frau, die im Schein einer Öllampe ungelenke Buchstaben zu Papier bringt, hat Aids. Wenn sie stirbt, werden ihre Kinder auf sich allein gestellt sein. Wie zwei Millionen Aids-Waisen in Uganda. Zahlen haben kein Gesicht. Die Dokumentation „Memory Books. Damit du mich nie vergisst…“ gibt ihnen welche.

Christa Graf erzählt in ihrem Film von Frauen wie Harriet. Frauen, deren Leben unmittelbar vom Aids-Virus bedroht ist und die die Kraft aufbringen, sich dieser Tatsache schreibend zu stellen. Gemeinsam mit ihren Kindern verfassen sie Erinnerungsbücher, füllen die Seiten liebevoll mit Fotos, Zeichnungen, Geschichten und Zukunftswünschen. Der Prozess des Schreibens soll die Kinder behutsam auf den Verlust vorbereiten und ist auch für die Mütter von entscheidender Bedeutung. Jedes geschriebene Wort ist sowohl ein Zugeständnis an den Tod als auch eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Zusammenhängen von Armut, Prostitution, mangelnder Bildung und der Ausbreitung von HIV. „Ich habe durch das Buch viel gelernt. Früher wusste ich gar nichts“, sagt Betty. Sie ist Analphabetin und diktiert die Worte ihrem Sohn.

An dem Projekt beteiligen sich in Uganda mittlerweile 40 000 Frauen. Alle werden ihren Kindern etwas hinterlassen, was ihnen Trost geben kann. Den finden Chrissi und Dennis in ihrem Erinnerungsbuch. Jeden Abend liest der Bruder seiner kleinen Schwester daraus vor. Nach dem Tod der Eltern kümmert er sich um sie – und ist den Anforderungen selbst kaum gewachsen: „Mama war die Beste. Es ging mir schlecht als sie tot war. Ich habe nun niemanden mehr, der sich um mich kümmert.“ Dann muss er weinen und schämt sich dafür.

In Sätzen wie diesen bricht sich die Realität Bahn. Damit leistet der Film viel, selbst wenn er auf ästhetischer Ebene oft zu bemüht wirkt. Bilder nebliger Landschaften, melancholische Klaviermusik, das Tremolo von Eva Mattes, die den Protagonisten ihre Stimme leiht: Die Härte des Themas hätte dieser Weichzeichnung nicht bedurft. Kerstin Roose

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