''Mirikitanis Katzen'' : Ich filme, also helfe ich

Linda Hattendorf montiert in ihrer Doku "Mirikitanis Katzen" tagebuchartig intime Sequenzen mit zeitgenössischen Medienschnipseln aus dem beginnenden "Krieg gegen den Terror".

Silvia Hallensleben

Die Gemälde des obdachlosen New Yorker Straßenmalers Tsutomu Jimmy Mirikitani vereinen den naiven Charme von Kinderzeichnungen mit der Raffinesse japanischer Tuschmalerei. Sich räkelnde Katzen sind darauf zu sehen. Aber auch Lagerbaracken im Schnee. Und eine rot züngelnde Feuerwolke, in der winzig kleine Strichfiguren herumtaumeln.

Geboren sind die Bilder aus den Traumata der Erinnerung: Der 1920 in Kalifornien geborene Künstler hat den mütterlichen Teil seiner Familie im Atombombeninferno von Hiroshima verloren, während er selbst in einem amerikanischen Internierungslager für alien enemies saß, wie die von Pearl Harbor verschreckten US-Behörden die Staatsbürger japanischer Abstammung plötzlich nannten. Auch der Pass wurde ihm – wie vielen anderen – entzogen. Nicht nur materiell war die von Mirikitani angestrebte Künstlerkarriere danach zerstört. Die erlittenen Kränkungen hielten auch sein Gefühlsleben in einem Zwangskorsett aus Verweigerung und Hass.

Fotografen und Dokumentarfilmer wandeln oft auf schmalem Grat zwischen unterlassener Hilfeleistung und unbefugter Einmischung: Der Fotoreporter, der das vor seinen Augen verblutende Bombenopfer mit der Kamera noch einmal vampirisiert, markiert das eine Extrem möglicher Positionen. Die junge New Yorker Filmemacherin Linda Hattendorf steht am anderen Ende. Von Anfang an enthält ihr Interesse für Mirikitani vorsichtige Versuche, den störrischen alten Mann zur Verbesserung seiner Lage anzustacheln. Als dann am 11. September 2001 Giftwolken durch die Straßen Manhattans ziehen, nimmt sie den Obdachlosen nicht nur in ihre kleine Wohnung auf, sondern entwickelt auch einen fast sozialtherapeutisch zu nennenden Impetus, sein Leben in Ordnung zu bringen. Doch Mirikitani mag zwar mittellos sein, ist aber keineswegs ohne Eigensinn. Und so kommt es in dieser ungewöhnlichen Wohn- und Arbeitsgemeinschaft bald zu allerlei zwischenmenschlichen Verwicklungen und Konflikten, die der Film mit Sinn für lakonisches Understatement und Humor festhält.

Linda Hattendorf montiert solch tagebuchartig intime Sequenzen mit zeitgenössischen Medienschnipseln aus dem beginnenden „Krieg gegen den Terror“ und schafft so um die Geschichte einer persönlichen Annäherung ein faszinierend dicht gewebtes Geflecht aus historischen Spiegelungen und motivischen Querbezügen. Nur die manchmal heftig überzuckerten Streicher- und Pianoklänge und die besonders gegen Ende gewaltsame dramaturgische Zurichtung auf das Erzählmuster Erfolgsgeschichte sind unnötige Zugeständnisse an den amerikanischen Mainstream-Geschmack. Andererseits wäre es arg fundamentalistisch, sich einem vom Leben geschriebenen Happy End aus filmästhetischen Gründen zu verweigern.

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