Neu im Kino : Rot oder Schwarz

Daniele Luchettis neuer Film „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ ist Zeitgeschichte light. Der Publikumsmagnet aus Italien ist jetzt auch in deutschen Kinos zu sehen.

Christina Tilmann
Bruder Einzelkind
Verbotener Kuss. Accio (Elio Germano) und Francesca (Diane Fleri). -Foto: dpa

Sie balgen wie die jungen Hunde. Wer hat recht, Jesus oder Karl Marx? Was ist wichtiger, Gott oder die Frauen? Und wer war schlimmer, Stalin oder Mussolini? Ein Gekabbel unter Brüdern, nicht mehr. Das wächst sich aus, denkt man zunächst. Doch Accio und Manrico leben in den Sechzigern in ärmlichen Verhältnissen in Latina, ehemals Littoria, einer von Mussolinis Planstädten in den Pontinischen Sümpfen. Die beherrschenden Faktoren dort sind noch immer: Kirche, Faschismus und Arbeiterfront.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte, vor allem der Zeit der Studentenrevolution und Roten Brigaden, ist seit längerer Zeit Schwerpunkt des jungen italienischen Kinos. Marco Tullio Giordana hat mit seinem legendär erfolgreichen Fernsehepos „Die besten Jahre“ diese dramatische Zeitgeschichte eingebettet in eine Familiengeschichte erzählt, über 20 Jahre hinweg. Ähnlich geht auch Daniele Luchetti in seinem in Italien gefeierten Film „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ vor – an dessen Drehbuch die Autoren von „Die besten Jahre“, Stefano Rulli und Sandro Petraglia, mitgewirkt haben.

Zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein können: Manrico (Riccardo Scamarcio), der charmante Revoluzzer, Frauenheld und charismatische Arbeiterführer, hat sich den Linken angeschlossen und demonstriert für bessere Arbeitsbedingungen. Sein jüngerer Bruder (Elio Germano) wird Accio, das Ekel genannt, und ist das Problemkind, das sich immer benachteiligt fühlt und sich aus Trotz der lokalen Gruppe der Schwarzhemden, der unverbesserlichen Mussolini-Anhänger anschließt. Zwischen beiden: eine Frau, die bildhübsche Francesca (Diane Fleri). Über zwei Jahrzehnte folgt der Film ihren Kämpfen, durch Schulzeit und Studium, Studentenrevolte bis in den Untergrund. Am Ende ist Manrico der wahre Extremist. Und der einst so rebellische Accio der Vernünftige.

Die Wallfahrten zu Mussolinis Grab, die konspirativen Treffen der Schwarzhemden und ihre Versuche, linke Demonstrationen aufzumischen und die schon nach dreißig Jahren wieder in sich zusammenfallende Protzarchitektur von Latina – das ist gruseliges, so im Kino noch nicht gesehenes Zeitkolorit genug. Und doch sind die Konflikte in „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ eher familiärer Natur: Die überforderten Eltern (eindrucksvoll: Angela Finocchiaro als verhärmte Mutter), die aufbegehrende Schwester (Alba Rohrwacher) und der hilflose Versuch von Accio, im Faschistenführer Mario (Luca Zingaretti) eine neue Vaterfigur zu finden – all das erklärt Accios Ausbruchsversuch. Doch zum Ende hin wird er zum treusorgenden Familienmenschen. Politisch brisanter war mit ähnlicher Thematik Shane Meadows Film „This is England“ von 2006, der die Faszination rechtsradikaler Skinheads auf einen haltlosen Jugendlichen brutaler, kompromissloser und weit weniger versöhnlich zeigte.

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