New-York-Kino : Das verstrahlte Amerika

Sechs Jahre danach: Mike Binders „Die Liebe in mir“ ist der erste 9/11-Film, der die private Trauerarbeit ins Zentrum rückt.

Jan Schulz-Ojala
Sandler
Sozialer Sozius: Alan (Don Cheadle) führt Charlie (Adam Sandler) behutsam ins Leben zurück. -Foto: dpa

In einer späten Szene des Films kommt, recht überraschend, eine Pistole zum Einsatz. Nicht, dass sie abgefeuert würde – der Held fuchtelt nur, in höchster seelischer Bedrängnis, nachts an einer New Yorker Straßenecke damit herum. Als er sie auf zwei zufällig anwesende Polizisten richtet, riskiert er, selbst abgeknallt zu werden, aber die Sache geht mit seiner recht rüden Festnahme glimpflich ab. Sogar auf eine Strafverfolgung verzichten die Behörden, schließlich scheut man Schlagzeilen wie: „9/11-Witwer wurde von der Polizei verprügelt.“

Charlie Fineman, ehedem Zahnarzt und zum ziemlich ungepflegten Metropolen-Einsiedler verkommen, hat am 11. September jenes Jahres, das keine Zahl braucht, seine Frau und die drei kleinen Töchter verloren – sie kamen mit dem Flugzeug aus Boston und starben in den Trümmern des World Trade Centers. Seither bewegt er sich wie verstrahlt durch seine Heimatstadt. Er ist ein Angehörigen-Opfer jener menschengewollten Katastrophe, die die Menschheit seither zur disparaten Schicksalsgemeinschaft zusammenzwingt. Nur dass für Charlie Fineman die Kontaminierung tiefer geht und die Halbwertzeit des Traumas länger ist als für andere – und diese krank machende (Ab-)Strahlung seiner Person ist in der Pistolen-Szene geradezu physisch zu spüren.

„Reign Over Me“ heißt der Film im Original, nach einem Titel des Konzeptalbums „Quadrophenia“ von The Who: eines von Charlie Finemans Lieblingsalben, das der vor lauter unbewältigter und unbewältigbarer Trauer Lebenszerspaltene auf dem MP3-Player mit sich herumträgt. Unter Kopfhörern treibt er auf seinem Elektroroller über New Yorks Fahrbahnen, wenn er nicht gerade in seiner ausgeweideten Wohnhöhle „Shadow of the Colossus“ computerspielt oder sein Schlagzeug malträtiert. Jemand, der taumelt, von einem Schlag getroffen. Und doch jemand, der sich der Trauerarbeit nicht ewig verweigern kann. Jemand, der zumindest einen Heilungsversuch wird über sich ergehen lassen müssen.

Unter der Handvoll Spielfilme, die das Weltkino in nunmehr sechs Jahren zum Thema hervorgebracht hat, ist „Die Liebe in mir“ der erste, der die private Trauer angesichts von 9/11 explizit in den Mittelpunkt rückt. Es ist das versehrte, das hinterbliebene Amerika, das Regisseur und Drehbuchautor Mike Binder („An deiner Schulter“) mit den Mitteln des Kinos aufzurichten sucht – und so sehr der Film die honorigen Impulse und auch Schwächen seiner Vorgänger im Subgenre des Realpolithorroractionpsychokatastrophenfilms teilt, so sehr beeindruckt die Distanz, die er zu seinem alles verschlingenden Energiezentrum hält. Fast könnte der verwirrte Charlie Fineman von den Folgen eines gewöhnlich furchtbaren Schicksalsschlags, Zugunglück oder Tsunami, getroffen sein – wäre da nicht die mittelbare Erfahrung des Zuschauers, die das historische Drama hinzudenkt.

Distanz zum 11. September hat das Kino zunächst mit seinem selbst auferlegten Bilderverbot dramatisch gesucht – und dann oft dramatisch vermissen lassen. Schon früh setzte es, wie in Max Färberböcks „September“ oder der Elf-Regisseure-Kurzfilmrolle „11’09’’01“, auf episodische Fragmentierung und Kompilation und drängte in der scheinbar angemessenen Spiegelform psychischer Verstörung umso ungelenker zur gültigen Metapher. Dann tat es in „World Trade Center“ so, als gäbe es keine Politik und keinen Patriotismus, sondern nur übermenschlichen Überlebenswillen wie in einem verschütteten Bergwerksstollen, und plötzlich trommelte Oliver Stone, mit der Figur des lebensrettenden Marine, umso unverhohlener zum Irak-Feldzug. Paul Greengrass schließlich lud im viel gerühmten Dokudrama „United 93“ sein Publikum zum makaber nachgestellten Geisterflug, nur um seinerseits Opfer als Helden zu feiern: vom tränentreibenden Familienabschied am Handy bis zum patriotisch verwertbaren Aufstand gegen die Hijacker.

Doch je verwegener die Filme die spektakuläre Seite des Traumas ins Visier nahmen, desto heftiger wurden sie von ihrem Gegenstand mit in den Abgrund gezogen – als hätten die Bilder des zusammensinkenden World Trade Centers selber die zerstörerische Wucht eines schmelzenden Reaktorblocks; ein Tschernobyl des Terrors, dessen ausströmendes Wahrnehmungsgift unser Gedächtnis und unser Bewusstsein auf unabsehbare Zeit kontaminiert.

Da helfen eher Aufräumungs- und Erkundungsarbeiten am kleinen, konkreten, möglichst ferngelegenen Objekt. Jene Schläfer-Verdachtsfilme aus dem als Terror-Terrain identifizierten Deutschland etwa, Elmar Fischers „Fremder Freund“ oder Benjamin Heisenbergs Psycho-Präzisionsarbeit „Schläfer“ – und „Folgeschäden“ von Samir Nasr, der Anfang September mit zweijähriger Verspätung ins Kino kommt. Sie alle erzählen von Berufsbeziehungen, Freundschaften, Lieben, die nicht durch Fakten, sondern durch bloßes, alles überwölbendes Misstrauen ausgehöhlt werden – und finden so, fern des Epizentrums, überzeugende Belege für die nachhaltige Zerstörungskraft des Terrorismus.

Charlie Fineman in „Die Liebe in mir“ – Adam Sandler zeichnet ihn als solipsistisch brabbelnde Bob-Dylan-Karikatur – ist ein seelisches Wrack, als sein ehemaliger College-Zimmergenosse Alan Johnson (Don Cheadle) ihn zufällig auf der Straße wiedertrifft. Es braucht zahlreiche Anläufe, bis Alan den alten Freund zumindest ansatzweise zu sich selbst und zu neuer Beziehungsbereitschaft geöffnet hat; dass er nebenbei selber ein nicht besonders derangiertes Leben reparieren muss, ist dramaturgisch eher überflüssig und wohl vor allem dem Hollywood-Harmoniebedürfnis geschuldet. Allerlei mäßig glaubwürdige und einmal gar groteske Nebenhandlungen machen den Film kleiner; aber vielleicht ist – abseits des starken zentralen Einfalls – manchem Zuschauer die Erdung ins Unvollkommene gerade recht. Vor allem Don Cheadles mimisches und mimetisches Genie, das wunderbar unaufdringlich zu arbeiten versteht, nimmt für den Film ein; und mit ihm die schöne Hoffnung, dass Zuverlässigkeit, Wärme und vor allem Geduld doch ein Mittel gegen die Übel dieser Welt sein könnten.

In seinen besten, melancholischsten Augenblicken erinnert „Die Liebe in mir“ an Spike Lees „25 Stunden“, den ersten filmischen Reflex auf den 11. September: Sein Psychogramm eines Dealers, der einen letzten Tag in Freiheit verbringt, bevor er für Jahre ins Gefängnis muss, ist kein 9/11-Film im strengen Sinne, aber er fängt die tiefe Verstörtheit der Stadt im Jahr Null auf kongeniale Weise ein. Er konnte es sich sogar leisten, Ground Zero zu zeigen: eine Aussicht vorm Fenster nachts zwischen zweien, die voneinander Abschied nehmen – so nah und in weiter Ferne zugleich.

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