Retrospektive : Filmemacher ohne Eitelkeit

Seit seinem Erfolg in Canne gilt er als Wunderkind: Der thailändische Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul besucht Berlin.

Silvia Hallensleben

Als buddhistischer Mönch würde er sich gut machen, nicht nur äußerlich. Auch an Charme und Freundlichkeit könnte er locker mit dem Dalai Lama konkurrieren. Dem thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul ist Eitelkeit nicht anzumerken: nicht nachmittags beim Interview und auch nicht Mittwochabend beim offiziellen Auftritt im Kino Arsenal, wo mit zwei seiner frühen Filme im ausverkauften Haus eine umfassende Retrospektive eröffnet wurde.

Als der 39-Jährige vor der Projektion ans Podium tritt, zückt er eine Kamera, um das Publikum im voll besetzten Saal zu knipsen. „Nachher mache ich dann noch ein Foto“, sagt er, „dann kann ich sehen, wie viele geblieben sind.“ Die Präsentation des dickleibigen, wunderschön edierten Buchporträts des Österreichischen Filmmuseums verleitet ihn zu der Bemerkung, jetzt sei eigentlich der perfekte Anlass, eine neue Karriere zu beginnen, vielleicht als Landwirt.

Ganz ernst gemeint ist das nicht, dazu ist der Filmemacher doch mit zu viel Leidenschaft bei der Sache – und wohl auch zu erfolgreich. Ganz falsch ist es aber auch nicht. Denn Apichatpong, der sich seit Studienjahren am Art Institute in Chicago auch Joe nennt, ist bekennender Naturenthusiast und gerade dabei, aus dem turbulenten Bangkok wieder in seine ländliche nordostthailändische Heimat zurückzuziehen. Auch filmisch erfand und findet er immer wieder Gründe und Anlässe, Farben und Stimmungen, Lichtstimmungen und Geräusche der Natur zu feiern. Der Dschungel wird in zwei seiner Filme zur eigentlichen Hauptfigur.

Doch erstmal hat Co-Kurator Alexander Horvath vom Östereichischen Filmmuseum spielerisch das europäische Apichatpong-Jahr ausgerufen. Neben Berlin stehen dieses Jahr noch zwei andere Retrospektiven in Wien und München und die Präsentation aktueller Installationen in verschiedenen Galerien auf der Agenda. Eine bei aller Diversität erstaunlich geradlinige Karriere: Der Künstler, der 2000 mit seiner Studie „Mysterious Object at Noon“ von den Talentscouts der internationalen Cineasten-Gemeinde entdeckt wurde, hat sich mit vier Lang- und vielen Kurzfilmen und Installationen zum Liebling der Filmkritik und Hoffnungsträger des Weltkinos entwickelt.

„Mysterious Objects“, auf 16-mm in Schwarz-Weiß gedreht, verbindet mit für einen Debütfilm frappierender stilistischer und inhaltlicher Sicherheit dokumentarisches und film-experimentelles Erkenntnisinteresse mit einer erzählerischer Lust am Absurden. Spätestens in Apichatpongs zweitem – in Cannes mit dem Preis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichneten – Spielfilm „Blissfully Yours“ finden sich alle Elemente seiner Filmsprache versammelt: sich zart entfaltende, nach konventionellen Kriterien fast statische Handlungselemente. Lange, oft halbtotale Einstellungen in ausgefeilten Räumlichkeiten. Autofahrten. Schlagermusik. Und ein spielerischer Umgang mit formalen Konventionen: So kommt in „Blissfully Yours“ der Vorspann erst nach 45 Minuten. Erzählerische Freiheiten, die wie selbstverständlich daherkommen.

Paradox – und auch typisch – ist die Tatsache, dass hiesigen Kinogängern der Name Apichatpong Weerasethakul vornehmlich aus Festivalberichten bekannt sein dürfte. Denn selbst in Berlin, wo der Künstler 2005 im Haus der Kulturen der Welt zu Gast war, wurde bisher nur ein einziger seiner Filme regulär im Kino gezeigt: „Tropical Malady“, ein ebenfalls preisgekröntes Stück, das als fast gewöhnliche Begehrensgeschichte zweier Männer beginnt und sich nach einer Stunde komplett neu erfindet als einsame Dschungeltour, wo sich im nächtlichen Gebrüll und Gezirpe Tier-, Geister- und Menschwelt verschränken.

Solch duale Struktur ist typisch für Apichatpongs Arbeit, auch „Blissfully Yours“ und sein jüngster Langfilm „Syndromes and a Century“ stellen zwei gleichberechtigte, raumzeitlich unabhängige Teile nebeneinander. Einen Sinn müssen wir uns selbst daraus machen. Auch das Spiel mit Text- und Tonebenen wird von Apichatpong mit Lust betrieben. In „Haunted Houses“ lässt er eine populäre TV-Soap von Dorfbewohnern nachspielen. In „Tropical Malady“ wird als Scharnier zwischen den beiden Teilen eine Geistergeschichte mit illustrierten Zwischentiteln erzählt.

Seine Filme seien persönliche Erinnerungsbücher, sagt Apichatpong. So spinnt sich auch zwischen den einzelnen Arbeiten ein Netz aus Verweisen und Bezügen. Überdeutlich hat dabei Apichatpongs Herkunft aus einem Ärztehaushalt Eingang in den Bilderkanon gefunden: Oft wiederholte Standardsituation ist der Arztbesuch. „Syndromes and a Centruy“ wähltdie Klinikwelt als Hauptsujet. In Thailand geriet der Film aus eher absurden Gründen mit der Zensur in Konflikt. Das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich Apichatpong in letzter Zeit zunehmend mit dem kollektiven Gedächtnis seiner Heimat beschäftigt – oder besser dem Mangel daran. Ein Resultat ist die Installation „The Primitive Project“, von der Teile heute Abend im Arsenal zu sehen sind.

PS: Im Saal waren am Eröffnungsabend nach dem Film übrigens alle noch da. Nur der Filmemacher fehlte.

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