Ridley Scott : "Kriege zeigen, dass wir Idioten sind"

Regisseur Ridley Scott über "Der Mann, der niemals lebte", den Nahen Osten und Barack Obama.

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Foto: dpa

Mr. Scott, Wüstenwelten scheinen Sie zu faszinieren – nach dem Kriegsfilm „Black Hawk Down“ und dem Kreuzzugsepos „Königreich der Himmel“ machen Sie nun den aktuellen Terrorkrieg im Nahen Osten zum Thema. Was gab den Ausschlag?



Sie haben Recht, dort kenne ich mich aus: Wenn Sie „Gladiator“ hinzuzählen, habe ich sogar schon vier Filme im arabischen Raum gedreht. Jordanien und Marokko kenne ich mittlerweile so gut, dass ich da fast schon als Fremdenführer arbeiten könnte! Diesmal aber geht es im Kern um Spionage, um eine Geschichte, die so auch im Nachkriegsdeutschland, etwa in der Hochphase des Kalten Krieges mitten in Berlin, hätte spielen können. Mein Interesse galt den Prozessen: Wie arbeiten die Geheimdienste? Welche Rolle spielen Verführung und Verrat? Spannend sind vor allem die Strategien, die die verfeindeten Seiten verfolgen. Dabei habe ich eines gelernt: Politik und Religion sind im Grunde ein und dasselbe.

Jedenfalls in Iran: Ihre Darstellerin Gol shifteh Farahani, die Leonardo DiCaprios Filmliebe spielt, fiel wegen ihrer Rolle bei der Staatsführung in Ungnade und wurde sogar mit Ausreiseverbot bestraft.

Nun, sie hat ihre Heimat definitiv verlassen. Ich habe sie zuletzt vor zwei Wochen in New York getroffen, sie wird sich wohl auf absehbare Zeit auf ein Leben in Amerika einrichten. Ich möchte sie nicht noch mehr in Schwierigkeiten bringen, indem ich mich zu Dingen äußere, die ich vielleicht nicht richtig verstanden habe. Ich kann nur sagen: Sie hat mir enorm viel beigebracht über die Verhaltenskonventionen von Musliminnen. Diese Spannung zwischen den Liebenden aus verschiedenen Glaubenswelten hat den Film ungemein bereichert, gegenüber der Buchvorlage: Da war es eine junge Französin von der Botschaft, in die sich der Protagonist verliebt.

Das Echo auf die vielen politischen Filme aus Amerika war – zumindest beim amerikanischen Publikum – zuletzt eher niederschmetternd. Hatten Sie dieses Problem im Kopf, als Sie selber jetzt drehten?

Erst mal vorweg: Wenn mich etwas interessiert, verfilme ich es. Es gibt auch keinen Grund, sich vor Filmen mit solchen Themen zu scheuen, nur weil die Amerikaner dazu neigen, diesbezüglich den Kopf in den Sand zu stecken. Hoffentlich führt Barack Obama bald aus der Misere heraus. Das Problem ist psychologischer Art: Die Kriegsbilder, die seit Jahren täglich die Abendnachrichten und die öffentliche Debatte bestimmen, haben weite Teile der US-Bevölkerung total überlastet. Weniger als sieben Prozent wollen noch etwas über den Irakkrieg hören. Es ist schon richtig: Amerikaner sind immer wieder in den Krieg gezogen. Doch lange waren diese Ereignisse völlig losgelöst von ihrer Lebenswelt. Erst der 11. September 2001 traumatisierte Amerika – vor der eigenen Haustür.

Was fasziniert Sie so am Krieg, dass Sie immer wieder darauf zurückkommen?

Kriege bringen Menschen in einen nicht alltäglichen Druck und Stress; das zu zeigen, ist aufregend und erhellend. Über diesen psychoanalytischen Wert hinaus kann man von Kriegen lernen, dass man von Kriegen nichts lernen kann. Wenn Kriegsfilme uns daran erinnern können, was für Idioten wir – beziehungsweise unsere Kriegsherren – sind, dann ist schon etwas Gutes erreicht.

Wird sich die Zahl der Terrordrohungen in der Ära Obama verringern?

Da kann ich nur spekulieren. Was Obamas Haltung zum Nahen Osten betrifft, hoffe ich natürlich das Beste. Doch auch er wird sich dem Problem ausgesetzt sehen, dass er in dieser Frage vor allem mit Terroristen verhandelt, die eine winzige Minderheit darstellen. Die meisten Moslems wollen ein ganz normales Leben führen. Immer wenn ich in Marokko drehe, sind die Einheimischen dankbar, dass wir wiederkommen, weil sie für uns arbeiten können. Bei „Black Hawk Down“ beschäftigte ich 2000 Statisten: Denen musste ich am Ende allen die Hand schütteln, weil sie so glücklich waren, etwas zu tun zu haben. Das schlimmste Problem ist die Langeweile, die der Arbeitslosigkeit entwächst. Schon ein kleiner Junge sagte mir einmal, er wisse nicht, was er am nächsten Morgen machen soll.

Haben Sie mit Ihrem Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio bewusst jemanden ausgewählt, der zu den vehementesten Bush Gegnern gehört?

Leo ist ein Veteran der Filmindustrie, der allzu oft unterschätzt wird. Er ist mit seinen 33 Jahren länger im Geschäft als so manch anderer älterer Kollege und hat sich zu einem wahren Künstler entwickelt. Allein deshalb habe ich ihn für den Film gewinnen wollen. Sein Reifungsprozess hat quasi vor der Kamera stattgefunden. Er selbst hat mir augenzwinkernd erzählt, dass er erst in den vergangenen zehn Jahren richtig zu sich gefunden hat. In „Titanic“ habe er sich selbst eher noch als Junge gesehen.

Auf DVD veröffentlichen Sie Ihre Filme meist in überarbeiteter Version. Warum?

Das hat bei mir Methode. Auch die Langversion von „Der Mann, der niemals lebte“ ist längst fertig. Es gibt heute zwei Arten von Publikum: die Kinogänger und die Heimkino-Enthusiasten. Wer zu Hause guckt, hat viel mehr Muße, sich einem Film zu widmen. Zwar bin ich immer wieder beeindruckt, wie stark Filme wie „Alien“ oder „Blade Runner“ auf großer Leinwand wirken. Doch die technischen Bedingungen für Heimkinos waren nie besser als heute.

Das Gespräch führte Leif Kramp.

RIDLEY SCOTT (70), seit „Blade Runner“ (1982) und „Thelma und Louise“ (1991) ein Meister des US-Spektakelkinos, inszeniert am liebsten kolossal spannende Genrefilme.

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