''Still Life'' : Verlorene Seelen

Zerstörte Umwelt, gestörter Mensch: Durchläuft China eine Identitätskrise? Wie der Film „Still Life“ das Staatsprojekt des Drei-Schluchten-Staudamms kritisiert.

Christina Tilmann
Still Life
Das Staatsprojekt steht über individuellem Wohlergehen.Foto: promo

Ein Mann kommt mit der Fähre in die Stadt. Schon auf dem Schiff haben sie ihn übers Ohr gehauen, und jetzt fährt er mit dem Motorrad-Taxi, die Adresse steht auf einem Zettel, in die Granitstraße 5. Hier ist es, sagt der Fahrer, nachdem sie eine Weile am Fluss entlanggefahren sind. Wie hier, hier ist doch gar nichts zu sehen? Doch, genau hier, wo noch ein Grasstreifen aus dem Wasser ragt, da stand das Haus Granitstraße 5.

Absurde Szene in einem Spielfilm, der zugleich ein absurdes Unternehmen dokumentiert: den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtse und den Untergang einer Stadt. „Still Life“ führt zwei verlorene Seelen, ein gescheitertes Ehepaar, mitten in den Abrisswahn der Provinzstadt Fengjie. Der Minenarbeiter San-ming Han, der einen Minenarbeiter namens San-ming Han spielt, stapft durch Abbruchwüsten, vorbei an Häusern, an denen die nächste Staustufe (156,5 Meter) markiert ist. Heute, zwei Jahre später, sind die meisten der Filmschauplätze schon überflutet.

„Still Life“, Stillleben, hat Regisseur Jia Zhang-ke seinen Film genannt, weil ihn ein Stillleben in einem der Abbruchhäuser beeindruckt hat: Möbel, Schreibzeug auf dem Tisch, Flaschen auf den Fensterbrettern. Auch die beiden Protagonisten sind stille Leben: Wie Geister bewegen sie sich durch die Stadt, umgeben von einer überwältigenden Melancholie.

„Es hat zweitausend Jahre gedauert, diese Stadt zu erbauen, nun wird sie in nur zwei Jahren abgerissen“, sagt ein Bewohner. Doch auch noch die Reste haben eine eigenartig surreale Schönheit, in einer Flusslandschaft, wo immer Nebel in den Bergen hängt und alles vor sich hin tropft und rostet, als hole sich das Wasser schon seinen Tribut, bevor die Fluten des Yangtse kommen. Und die Menschen, die in diesen feuchten Trümmern ausharren, statt sich in gigantische Neubaugebiete umsiedeln zu lassen, sind erneut Nomaden geworden, hausen unter Brücken, auf Schiffen und in Zelten.

Vergangenes Jahr kam „Still Life“ als „Überraschungsfilm“ spät in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig – und gewann gleich den Goldenen Löwen, kein Wunder angesichts seiner visuellen Kraft und leisen Poesie. Erstaunlich nur, dass der Film in China überhaupt gedreht werden konnte – denn er kritisiert die Verhältnisse deutlich, wobei der dokumentarische Gestus diese Wirkung noch verstärkt. Mit seinen Bildern und seiner Geschichte prangert Jia Zhang-ke ein Projekt an, das jahrhundertealte Kulturlandschaften ebenso zerstört wie die Lebensverhältnisse von nahezu zwei Millionen Menschen. Unfähig und korrupt stehen die Behörden da, die weder die Umsiedlung noch den Abriss gefahrenfrei und termingerecht organisieren. Hinzu kommen die Zustände in den Kohlebergwerken im Süden, wo jedes Jahr Dutzende von Menschen sterben.

Meist müssen die Protagonisten das alles gar nicht aussprechen. Jia Zhang-ke zeigt einfach – Archäologen, die fieberhaft Grabungen vornehmen, bevor alles im Schlamm versinkt. Investoren, die nachts die monumentale Brücke über den Fluss beleuchten lassen, und die Gäste tanzen dazu im Brückencafé. Und, dann doch, zwei Menschen, die mitten im allgemeinen Untergang die Kraft für einen Neuanfang finden.

Filmkunst 66 und fsk (jeweils OmU)

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