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Empfehlungen von Karl Hafner

Karl Hafner

THE CHAMP von Rod Lurie

Ein Autor sei wie ein Boxer, meint die Off-Stimme zu Beginn von „The Champ“ (Ascot Elite, im Verleih, ab 28. Januar im Verkauf) – auf sich allein gestellt und verwundbar. Die Stimme gehört zu Erik Kernan, einem Sportreporter der fiktiven „Denver Times“. Kernan ist ein Vielschreiber, 157 Artikel im Jahr, aber keiner über die wichtigen Sportarten Baseball, Football oder Basketball. Das dürfen die Kollegen machen. Kernan braucht endlich die eine, die andere Geschichte – und er findet sie. In einem Obdachlosen erkennt er den einstigen Spitzenboxer Bob Satterfield, den alle für tot halten. Und siehe da, in der Redaktion springt man im Dreieck, Kernan gilt plötzlich als Top-Reporter. Doch die ganze Sache beginnt zu stinken, die große Story entpuppt sich immer mehr als Recherchefehler. Für Kernan geht es bald weniger um die Karriere als um die Enttäuschung seines sechsjährigen Sohnes, dem er jahrelang den Helden vorgespielt hat. Der Film funktioniert gut, vor allem wegen Samuel L. Jackson, der den obdachlosen Boxer mit großer Sensibilität und Trauer spielt. Man glaubt ihm alles: seine unterdrückte Trauer, sein Kopf-hoch-Gebaren, sein Sühne-Verhalten. Am Ende sind sich Autor und Boxer tatsächlich ähnlich, nur geht es gar nicht um den Lebenskampf. Es geht um Aufrichtigkeit – wie bei jedem Menschen.

TYSON von James Toback

Einsam, verwundbar und überraschend aufrichtig zeigt sich auch Mike Tyson in James Tobacks ergreifendem Dokumentarfilm „Tyson“ (arthaus). Tobacks Film stützt sich auf Archivmaterial und etwa 30 Stunden Interview mit dem jüngsten Schwergewichtsweltmeister der Geschichte und einem der besten Boxer aller Zeiten. Natürlich zeigt Toback Ausschnitte aus Tysons wichtigsten Kämpfen. Reihenweise sieht man größere und schwerere Männer als Tyson zu Boden gehen, doch mit 23 Jahren erlitt Tyson bereits seine größte sportliche Niederlage: k. o. gegen Buster Douglas. Der Mythos der Unbesiegbarkeit war dahin. Toback lässt in dem Film keine Außenansicht zu, nur Tyson spricht in seinem eigenwilligen Rhythmus, mit seinem leichten Sprachfehler überraschend reflektiert und poetisch. Nur selten blitzt Tysons gefürchtete Wut auf, etwa wenn er von der Frau spricht, für deren Vergewaltigung er nach einem Indizienprozess drei Jahre im Gefängnis saß. Bis heute schwört er, er habe es nicht getan, auch wenn er viele Frauen in seinem Leben wie Dreck behandelt habe. Der von ihm am häufigsten verwendete Begriff ist „Angst“. Vor anderen Menschen, vor dem Kämpfen, vor dem Leben. Als er von seinem Jugendtrainer Cus D’Amato spricht, stockt ihm die Sprache. D’Amato war für ihn der Vater, den er nie hatte, der Retter aus einer gewalttätigen Jugend, der ihm vermittelte, dass er zu etwas fähig sei im Leben. Für einige Jahre war Tyson auf Kurs. Heute ist er pleite, mehrfach vorbestraft und in Therapie. Und hofft auf die Zukunft.

PIXOTE von Hector Babenco

Eine vaterlose Gesellschaft zeigt Hector Babenco in seinem Film „Pixote – Asphalthaie“ (cmv-Laservision) von 1981 über das Leben von Straßenkindern in São Paulo. Pixote ist ein elfjähriger Junge, doch er hat das versteinerte Gesicht eines 60-Jährigen. Bei einem Polizeieinsatz wird er auf der Straße aufgegabelt und in eine Erziehungsanstalt gebracht. Die Lehrer und Psychologen dort sind hilflos, die Wächter gelangweilt und sadistisch. Nur die Stärksten überleben, Vergewaltigungen und Demütigungen gehören zur Tagesordnung. Irgendwann gelingt Pixote die Flucht. Sein Leben auf der Straße zwischen Prostituierten und Fixern ermöglicht er sich mit Diebstahl, Raub und Zuhälterei. Einmal saugt er an der Brust einer Prostituierten wie ein Baby bei seiner Mutter. Er will Kind sein. Am Ende aber wird er drei Morde begangen haben. Babenco versucht, gnadenlos realistisch zu sein. Zu Beginn spricht der Regisseur Daten und Fakten frontal in die Kamera und gibt seinem Film einen dokumentarischen Duktus. Die Darsteller sind Laien, Bewohner der Slums. Das Schicksal des Jungen ist schwer zu ertragen, doch Babenco gelingt es, bei aller Drastik nicht sensationsheischend zu sein. Vor allem amerikanische Kritiker stellten den Film in eine Reihe mit De Sicas „Fahrraddiebe“ und Buñuels „Die Vergessenen“. 1987 wurde der Film traurige Wirklichkeit. Fernando Ramos Da Silva, Darsteller des Pixote und Vater einer Tochter, wurde im Alter von 19 Jahren in São Paulo von der Polizei erschossen. Karl Hafner

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