Türkischer Film : 1001 Geschichte

Die Lust des Fabulierens: Caÿan Irmaks Film "Ulak".

Daniela Sannwald

Schon Prinzessin Scheherazade wusste, was eine gute Geschichte wert ist, und erst recht 1001 Geschichten. War sie es, die das Erzählen als wichtigstes Kunstmedium der orientalischen Welt etablierte? Bis heute wandeln Schriftsteller wie Hasan Ali Toptaÿ oder Orhan Pamuk mit sprachlich opulenten Romanen auf ihren Spuren. Selbst in der Alltagskultur setzt sich diese Tradition fort: Man liebt gute Geschichten, die man sich auch gern doppelt und dreifach erzählen lässt.

Die Figur des Erzählers, der in den Weiten Anatoliens von Dorf zu Dorf reitet und die Menschen am Feuer mit wahren oder erfundenen Geschichten unterhält, kommt in vielen türkischen Filmen vor. Sollte es eines Tages ein Genre der Erzählerfilme geben, dann wäre „Ulak/Der Bote“ der Prototyp. Es ist ein bunter, lauter, üppig ausgestatteter Abenteuerfilm, in dem die Geschichte des Erzählers Zekeriya in die Filmerzählung übergeht: eine moralische Fabel, die am Ende ein ganzes Dorf aus der Sünde retten wird. Die Bösewichter sind sehr böse, die Guten richtig gut, Nebelschwaden steigen über Wäldern auf, dunkle Gestalten führen Fürchterliches im Schilde, und ein großer Kummer kam über den Helden...

Irmak hat 2005 mit seinem Familienmelodram „Mein Vater, mein Sohn“ Millionen in- und ausländische Zuschauer zu Tränen gerührt. Mit „Ulak“ wird ihm das im Ausland schwerer fallen, zu fremd ist westlichen Gemütern diese Fabulierlust. Doch wer sich darauf einlässt, wird seinen Spaß haben.Daniela Sannwald

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