"Von Frau zu Frau" : Die Tortenbäckerin

Diane Keaton gibt die Gluckenmutter in Michael Lehmanns „Von Frau zu Frau“. Dabei klammert sich die Schauspielerin an ein Image, das längst nicht mehr zu ihr passt.

Daniela Sannwald
Diane Keaton
Wer eignet sich wohl als Bräutigam für mein Töchterchlein (Mandy Moore)? Diane Keaton als Mama Daphne. -Foto: Warner

In „Der Stadtneurotiker“ (Original: „Annie Hall“), Woody Allens schönster New-York-Hommage, trug Diane Keaton in der Titelrolle der vor lauter Schüchternheit zappelnden und stotternden Intellektuellen das, was bis dato Männern vorbehalten war: Sakkos im Fischgrät-Muster, Schlipse, Westen, Blusen über braven Faltenröcken und schlabbrigen Bundfaltenhosen zu flachen Schuhen. Das war 1977, und Diane Keaton, eingekleidet von Ralph Lauren, etablierte damit nicht nur die so genannte Preppie-Mode, sondern verkörperte zugleich den Lebensstil der jungen, gebildeten Frauen aus den Metropolen.

In „Von Frau zu Frau“ nun erscheint Keaton als Zerrbild dieser Annie Hall: 30 Jahre später zappelt und stammelt sie immer noch. Und trägt ausgefallene Klamotten: Petticoats und gepunktete Röcke unter breiten, eng gezurrten Gürteln, Hemdblusen und kleine Halstüchlein – die Fünfziger lassen grüßen. Dieser Retrolook müsste nicht stören, käme er nicht mit eben solcher Botschaft daher: Mütter wollen ihre Töchter unter die Haube bringen und dabei möglichst viel mitmischen.

Einen anderen Lebenszweck hat Keatons Figur der Tortenbäckerin Daphne nicht; sie sucht übers Internet Männer, mit denen sie ihre jüngste Tochter Milly (Mandy Moore) verkuppeln will – dabei fristet die doch als Catering-Fachfrau ein gar nicht so lustloses Single-Dasein. Die Zeit raffende Montagesequenz zeigt Daphne mit immer neuen Heiratskandidaten, die allesamt über die handelsüblichen Nachteile verfügen: schlechte Zähne, Pickel, Goldkettchen, Brusthaare, Verhaltensauffälligkeiten. Als dann der strahlende Held in Gestalt eines gut situierten Architekten auftaucht, muss nur noch die Tochter von dessen Qualitäten überzeugt werden. Doch Milly bandelt mit einem weniger repräsentativen, aber immerhin ein bisschen chaotischen Musiker an – und das ist schon, huch, einer der bedeutsamen dramatischen Wendepunkte dieses Films, dessen Ausgang von der ersten Minute an feststeht.

Zwei ältere Schwestern der Heiratskandidatin, Shoppingbummel zu viert, Kinder, Tiere, Torten sorgen für weitere künstliche Verwirrung. Ihren Höhepunkt erreicht die ästhetische Umsetzung der Seelenwirren mit einer SplitScreen-Sequenz: Aufgeregt tefefonieren die vier Frauen miteinander.

Diane Keaton dominiert diesen Film als hysterische Gluckenmutter und klammert sich verzweifelt an ein Image, das längst nicht mehr zu ihr passt. Dabei haben ihre Kolleginnen Judi Dench, Helen Mirren, Meryl Streep und Marianne Faithfull in letzter Zeit hinlänglich bewiesen, dass auch für Schauspielerinnen über 60 angemessene Hauptrollen existieren – jenseits von mühsam erhaltener Jugendlichkeit oder marginalem Matronendasein.

Zusehen in 11 Kinos; Cinestar SonyCenter (OV)

0 Kommentare

Neuester Kommentar