Zum Tag des Kusses : Ein guter Film ist ohne Küsse kaum denkbar

Andere Motive tauchen mal hier, mal dort auf, der Kuss aber ist universell, so dass man nach Filmen, in denen darauf verzichtet wurde, schon suchen muss. Ein Essay zum Tag des Kusses.

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Eine ganze Serie dramatischer Küsse ist in Victor Flemings „Vom Winde verweht“ (1939) zu sehen, vielen gelten sie als die besten der Filmgeschichte. Rhett Butler (Clark Gable) und Scarlett O’Hara (Vivien Leigh) waren kaum zu stoppen. Doch sie waren nicht die ersten, die sich durch den Film küssten. Mehr große Küsse der Filmgeschichte zeigt Ihnen unsere Bildergalerie.Weitere Bilder anzeigen
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06.07.2011 11:43Eine ganze Serie dramatischer Küsse ist in Victor Flemings „Vom Winde verweht“ (1939) zu sehen, vielen gelten sie als die besten...

Immer wenn ein Filmkuss droht, greift Padre Adelfio empört zur Glocke. Gerade noch hat sich der Dorfpfarrer von Giancaldo ganz der vor ihm ablaufenden Geschichte hingegeben, versunken in diese ihm sonst verschlossene Welt, da wittert er plötzlich Unmoral. Ein Mann und eine Frau kommen sich auf der Leinwand verdächtig nahe, breiten die Arme aus, spitzen die Münder – wild bimmelt der fromme Mann seinen Protest: Schnitt!

Die späten 40er Jahre in der sizilianischen Provinz, die Giuseppe Tornatore in „Cinema Paradiso“ (1988) schildert, waren für Filmküsse eine schwierige Zeit. Ein alter Vorführer hatte dem Regisseur von einem Pfarrer erzählt, der sich alle Filme des Dorfkinos zeigen und besonders die Küsse herausschneiden ließ. In Giancaldo muss Alfredo (Philippe Noiret) zur Schere greifen, aber er bewahrt die verbotenen Küsse auf, klebt sie zusammen – sein Vermächtnis für den anfangs kleinen, nun zum berühmten Regisseur gereiften Freund. Mit der Vorführung dieser Filmrolle, 22 Küsse aus 18 Filmen, endet „Cinema Paradiso“, ein wunderschöner, ergreifender Schluss – und zugleich eine Hommage an eines der seit jeher wichtigsten, populärsten und damit fast unverzichtbaren Handlungsdetails, ohne die die Filmgeschichte nicht denkbar wäre.

Andere Motive tauchen mal hier, mal dort auf, der Kuss aber ist universell, so dass man nach Filmen, in denen darauf verzichtet wurde, schon suchen muss.
Der Gedanke scheint sogar erlaubt, dass das Kino gerade im Kuss seine Vollendung findet, folgt man jedenfalls einem Dichter wie Friedrich Dürrenmatt. Für den steigerte der Film „die Intimität ins Unermessliche, so sehr, dass er Gefahr läuft, die eigentlich pornografische Kunst zu werden“, und die Beliebtheit der Stars liege „nur darin, dass jeder, der sie auf der Leinwand sah, auch das Gefühl hat, schon mit ihnen geschlafen zu haben“. Die höchste Intimität aber, so ließe sich Dürrenmatt zu Ende denken, wird zweifellos im Kuss erzielt.

Angesichts dieser filmhistorisch essenziellen Bedeutung vereinigter Lippen überrascht es kaum, dass manche Filme den Kuss schon im Titel tragen. Selbst George Seatons Luftbrückendrama „The Big Lift“ (1950) mit Montgomery Clift wurde in der deutschen Fassung zu „Es begann mit einem Kuss“, was die politische Geschichte ins Private umdeutete. Sicher kein Zufall ist es auch, dass einer der berühmtesten Songs der Filmgeschichte, „As Time Goes By“ aus Michael Curtiz’ „Casablanca“ (1942), mit einem Kuss beginnt: „You must remember this / A kiss is just a kiss“. Allerdings, so schön sich das auch anhört: Es stimmt nicht. Ein Kuss ist eben nicht nur ein Kuss, im Leben nicht und nicht im Kino. Vielmehr gibt es je nach Form und Funktion zahllose Varianten, was eine Kategorisierung nahelegt. Allerdings sollte man sich bewusst bleiben, dass Küsse vieldeutig sind, oft in diese wie jene Untergruppe passen.

DER ERSTE KUSS

Er ist zugleich einer der unbeholfensten und wurde 1896 zwischen May Irwin und John C. Rice ausgetauscht. Für die Edison Manufacturing Company hatte William Heise den 20-Sekunden-Film „The Kiss“ gedreht, nach der Schlussszene des Broadway-Musicals „The Widow Jones“: Mann und Frau in Nahaufnahme beim zärtlichen Tête-à-Tête, in einem schüchternen Kuss mündend, nicht ohne dass der Herr sich vorher den Schnurrbart gezwirbelt hat.

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