Kultur : Kinowirtschaft: Die Alptraumfabrik

Jan Schulz-Ojala

Das Paradies auf Erden? Gibt es nicht. Vergangenen Winter aber war die deutsche Filmwirtschaft schon mal ganz nah dran. Mit "American Pie" für die sowieso kinoverrückte Jugend und mit "American Beauty", einem klasse Film für alle Generationen, hatte Hollywood bereits im Januar auf dem hiesigen Markt zwei Bomben-Hits gelandet. Auch die Deutschen erwischten einen nahezu göttlichen Start. Mit "Anatomie", "Harte Jungs" und "Erkan und Stefan" übersprang gleich ein Trio für die Jugend locker die Millionen-Marke, und sogar der eher fade geratene neue "Otto", ein Klamaukfilm für alle Generationen, stemmte noch die Million. Die Kinoindustrie jubelte. 200 Millionen Zuschauer wollte man am liebsten schon im Jahr 2000 ins Kino ziehen. Bloß nicht länger an der 150-Millionen-Latte kleben, die man im Vorjahr fast schon überwunden hatte. Weiter! Höher! Und vor allem: schneller. Das war die Devise.

Die Hölle auf Erden? Gibt es nicht. In diesen Wochen aber ist die deutsche Kinowirtschaft verdammt nah dran. Nicht, dass es im Herbst an guten Filmen gefehlt hätte, im Gegenteil. Aber haben nicht "Dancer in the Dark", "Lust auf anderes" und "In the Mood for Love" weitaus mehr Publikumspotenzial als die oberen Zehntausend oder unteren Hunderttausend, die sie ins Kino lockten? Liegt es nur an der ach so feinen Kino-Kultur der Franzosen, dass dort mit bislang 600 000 Zuschauern exakt zehn mal mehr Leute den schönen chinesischen Liebesfilm "In the Mood for Love" sehen wollten - oder gibt es dafür andere, marktbezogen Gründe?

Auch ansonsten zugkräftige Filme sind zum Jahresausklang durchaus nicht Mangelware. Aber dass Titel wie "Shaft", "The Cell" und "3 Engel für Charlie" so glatt unter der Zweimillionen-Latte durchtauchen und damit für Hollywood-Erwartungen fast in die Namenlosigkeit - wer hätte das gedacht? Schon geht das große Zittern um in der Branche. Nur wenn das Nachweihnachtsgeschäft richtig zieht - aber mit welchen Filmen? -, erreicht man jenen 150-Millionen-Vorjahresrekord, den man doch so flott hinter sich lassen wollte. Stagnation heißt die Devise. Also Rückschritt. Also Krise.

Wie aus gleißender Helligkeit ist der Kino-Zug 2000 in den Tunnel gefahren. Seit September ging nichts mehr - jenem Zeitpunkt im Jahr also, in dem das Geschäft sonst erst richtig in Fahrt kommt. Der November, üblicherweise ein Top-Monat, war so schwach wie sonst der Juli. Vom Dezember reden wir später - oder besser gar nicht mehr. Was brachte die Wende, ach was, den Crash? Drei Faktoren spielen fatal ineinander: Zu viel Geld. Zu viele Filme. Zu viele Kinos. Das heißt: Zu viel - neuerdings oft an der Börse besorgtes - Geld fließt in zu viele, oft schnell und schlecht gemachte Filme, die die Kinos verstopfen und die doch niemand wirklich sehen will. Und umgekehrt heißt es: Zu viele neu gebaute Multiplex-Kinos brauchen, um abwechslungsreich zu programmieren, dauernd zu viele neue Filme.

Das große Fressen hatte sich die Branche vom hemmungslosen Emissions- und Expansionskurs versprochen. Sage und schreibe 420 neue Titel drückte die Industrie dieses Jahr in die Kinos: einsamer Rekord, verglichen mit der seit Jahren konstanten Zahl von rund 350 Filmen, die diesmal schon Anfang Oktober erreicht war. Nur was, wenn immer mehr Hungrige am Tisch sitzen und der Kuchen nicht größer wird? Könnte es sein, dass sich Angebot (der Filmproduzenten und -verleiher) und Nachfrage (der großen Multiplex-Betreiber) am Publikum vorbei verständigt haben? Zumal Großverleiher und Kinomacher heute immer stärker vernetzt sind? Senator-Film zum Beispiel, ein Big Player der Branche, ist seit April am Kino-Marktführer Cinemaxx/Ufa zu 25 Prozent beteiligt, und der Branchenriese Kinowelt hat sich seit dem Einstieg bei den Ketten Kinopolis und Village Cinemas selbst zum Multiplex-Multi gemausert. Solche Konzentrations-, ja Monopolisierungstendenzen machen, zumal in Boom-Zeiten, geradezu zwangsläufig betriebsblind.

Die Rechnung ohne den Gast gemacht

Anfang Dezember kam es zum Offenbarungseid. "Wir haben uns verrechnet", sagte Hans-Joachim Flebbe, Cinemaxx-Chef und Primus der Branche. Das Geständnis, das er mit einer sogenannten "Gewinnwarnung" für sein Unternehmen verknüpfte, kickte angesichts erwarteter zweistelliger Millionenverluste den Kurs der Cinemaxx-Aktie ins Bodenlose. Es deutet aber zugleich weit über die rein betriebswirtschaftlichen Fehlkalkulationen hinaus, deren Folgen man derzeit etwa mit dem hektischen Stopps neuer Multiplex-Projekte zu lindern sucht. "Wir haben uns verrechnet" meint: Bestärkt durch fünf Jahre beispiellosen Boom, haben wir uns für unverwundbar gehalten. Und: Wir Wirte haben die Rechnung ohne den Gast gemacht - ohne unser Publikum.

Tatsächlich, wie im Rausch haben die Branchenriesen ein paar simple Fakten schlicht übersehen. Zum Beispiel, dass die Filmfans unmöglich alljährlich 25 neue Multiplexe füllen können - und alle vorhandenen Kinos, vom älteren Multiplex bis zum Familienbetrieb, locker dazu. Oder etwa, dass dieses Publikum nicht unbedingt, nur weil immer mehr Filme angeboten werden, in gleichem Maß mehr Geld fürs Kino ausgeben kann oder will. Die gesamte Branche hat offenbar auch nicht sehen wollen, dass bei 15 Starts pro Woche, wie dies den ganzen Herbst über der Fall war, ein gnadenloser Konkurrenzkampf entsteht, der jedem einzelnen Film schadet. Und dass das Publikum bei solchem Überangebot erst den Überblick und dann die Lust verliert; erst recht, wenn die Filme, für die man sich schließlich entscheidet, nicht viel taugen. Dann wird die Traumfabrik Kino zur Alptraumfabrik - für alle.

Licht am Ende des Tunnels?

Fast so schnell wie die Besucher, die die knapp 5000 deutschen Kinosäle mit ihrer knappen Million an Sitzplätzen zu meiden begannen, reagierte die Börse. Ob die Riesen Constantin, Senator, Kinowelt und Cinemaxx, ob kleinere Mitspieler am Neuen Markt wie Advanced, Helkon oder Splendid: Überall stürzten die Kurse ab und liegen nun zum Jahresende bei bis zu einem Siebentel ihres Jahreshöchststandes. Den Verbraucher mag dies insofern freuen, als der Schock die Branche womöglich zu neuer Bescheidenheit und Umsicht führt. Nur: Die Börsengänge - und die Erfahrung des dabei verspielten Vertrauens - lassen sich ebenso wenig rückgängig machen wie der massenhafte Bau von Multiplexen. Gibt es, da die mittlerweile 120 deutschen Mega-Kinos vertraglich teils auf Jahrzehnte hinaus betrieben sein wollen, überhaupt noch einen Weg zurück zur einzig sinnvollen kontrollierten Expansion? Wie lange wird der Zug im Tunnel fahren müssen - und wie dünn wird eines Tages das Tageslicht sein?

Das insgesamt schwarze Jahr für die deutsche Filmindustrie: Es wurde, obwohl es erst ganz anders aussah, auch zum schwarzen Jahr für die deutschen Filme. In der Materialschlacht dieses Herbstes gerieten vor allem sie unter die Räder. So dürfte der Marktanteil, den die Auguren schon auf 15 "saubere" Prozent hochrechneten - ohne die im Jahr zuvor mit dem gallischen "Asterix" betriebene Koproduktions-Kosmetik -, im Jahresschnitt wie 1998 auf rund zehn Prozent sacken. Bei solchem Schwächeln der nationalen Filmproduktion gingen die Top 20 des Jahres, abgesehen vom japanischen Ausreißer "Pokémon", so exklusiv wie lange nicht mehr an Hollywood: Einzig "Anatomie", der früh gestartete und nie gefährdete deutsche Spitzenreiter, klopft mit seinen rund zwei Millionen Zuschauern schüchtern in dieser Liga an.

Der Rest ist Leiden. Die einstigen Publikumslieblinge Joseph Vilsmaier, Detlev Buck und Rainer Kaufmann floppten - mit "Marlene", "Liebesluder" und "Kalt ist der Abendhauch": Allesamt brachen sie, verglichen mit ihren früheren Hits, an der Box-Office-Börse dramatisch ein und konnten teils nur noch ein Zehntel ihrer früheren Zuschauer binden. Doch auch die einigermaßen glimpflich davongekommenen Tom Tykwer ("Der Krieger und die Kaiserin") und Doris Dörrie ("Erleuchtung garantiert") verloren deutlich an Zugkraft. Eine halbe Million Zuschauer, das war früher die Ziffer, bei der deutsche Hits erst durchstarteten. Dieses Jahr durfte sich schon als Sieger feiern, wer sich bis dahin hochgequält hatte.

Die gute Nachricht zuletzt. Vorsichtig freuen mag man sich, angesichts ihrer Themen, ihres formalen Zugriffs und ihres Marktpotenzials, über drei deutsche Titel. Hans-Christian Schmids "Crazy" bewies, dass auch ein ernsthafter Film über das Pennäler-Milieu an der Kasse Erfolg haben kann. Mit "Im Juli" etablierte, hoch verdient, Fatih Akin sein intelligentes, ambitioniertes türkischdeutsches Kino. Und Oskar Roehlers "Unberührbare", das deutsche Kino-Ereignis des Jahres, schaffte trotz winziger Startkopienzahl den Sprung über die Zweihunderttausender-Marke. Zum Glück kam der Film schon im April ins Kino und konnte sich, beflügelt durch Mundpropaganda und später auch durch den deutschen Filmpreis, langsam entwickeln. Was aber, wäre er erst in diesem fieberkranken Herbst gestartet? Er wäre untergegangen, wie so manche anderen wunderbaren Filme.

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