Kultur : Kir Lokal

Jan Schulz-Ojala

Was für eine Fallhöhe. Vor zwei Jahren hat Oskar Roehler einen herausragenden, ja, vielleicht den alles überragenden deutschen Film des vergangenen Jahrzehnts gemacht und dafür zu tiefstem Recht den Deutschen Filmpreis bekommen, seine "Unberührbare". Hier stimmte alles: starkes Thema, präzises Drehbuch, traumsicherer Rhythmus, vorzügliche Kamera, großartige Schauspieler. Und, vor allem, eine ungeheuer entdeckungsfrohe und zielgerichtete Energie. Hannelore Elsner, zuletzt nur mehr ein TV-Gesicht, erstrahlte in der Rolle der aus ihrem Leben fallenden Gisela Elsner, und Vadim Glowna, auch er längst eine Nebenfigur der deutschen Filmszene, gab als ihr Ex-Mann einen gespenstisch anrührenden Gescheiterten. Beider Begegnung gehört schon heute zu den unauslöschlichen Bildern unserer inneren Kinematografie.

Elsner und Glowna spielen auchin Roehlers neuem Film "Suck My Dick", winzige Rollen - sie eine Sprechstundenhilfe, er einen Galeristen. Doch als Roehler nach der arg knapp bejubelten Filmpremiere am Montag in Berlin alsbald das ganze Team auf die Bühne bat, da war von Hannelore Elsner, die er doch vorher mit viel Wärme angekündigt hatte, keine Spur. Auch Glowna, vertrautes Gesicht des Berliner Gesellschaftslebens, fehlte. Und überhaupt: Das so allgemein nach vorn gebetene Team blieb, nachdem das erste halbe Dutzend Interpreten ins kalte Kegellicht gestiegen war, merkwürdig erwartungsscheu im Saale sitzen.

Einen "Befreiungsschlag" hat Oskar Roehler diesen "Suck My Dick" schon früh genannt, einen Film, für den kein Förderer in die Tasche greifen wollte und den er dann mit dem Geld des experimentierlustigen, früh verstorbenen Werner Koenig von Helkon-Media (und der Bereitschaft der Beteiligten zu Mini-Gagen) finanzierte. Ganz recht, ein Befreiungsschlag - vor allem aber wohl der Zertrümmerungsschlag eines, der nicht vor der Zeit auf einem Filmkunst-Sockel zu Stein gehauen sein wollte. Der rohe Wurf auch eines Regisseurs, der vor der "Unberührbaren" gerade mal zwei Kinofilme gemacht hatte, den wunderbar leuchtenden "Silvester Countdown" und den blassen "Gierig", und nun sein plötzliches Glück und den ganzen drumherum metastasierenden Menschen-Humus verflucht haben mag. "Suck My Dick" ist die seltsamste Farce der Welt - so ungrandios gescheitert, dass sie nun unversehens ihrem Schöpfer selbst zum Fluch geraten könnte.

Schon der Titel: keine Aufforderung zum Schwanz, wie man vulgäranglistisch vermuten könnte, sondern selbst ein Fluch. "Suck my dick, du Arschfotze!", ruft ein gewisser Hyde, aus Jekylls Kopf entschlüpfte und Kreatur gewordene Schriftstellerfantasie - und meint damit nichts weiter, als dass Jekyll künftig - "leck mich am Arsch, verpiss dich" - eine gewisse Jeanie nicht mehr anrufen soll. Denn Hyde wohnt derzeit bei dieser Jeanie, einer gerade sehr angesagten Lebens-Künstlerin, und wohnt ihr zugleich sehr mannhaft bei. Zu diesem Zweck und zur weiteren Attraktivitätssteigerung hat er Jekyll im Traum nacheinander den bereits im Ruhezustand fast bis zum Knie reichenden Penis, das üppige Haupthaar sowie die oberen vier Vorderzähne abgenommen.

Das klingt erst einmal exakt nach jener "schwarzen Komödie" und "Gesellschaftssatire", als die Roehler seinen Film verstanden wissen will. Und tatsächlich hat der Plot um den erfolgreichen, ausdrücklich an Michel Houellebecqs postpostpostmodernem Zynismus geschulten, in die Midlife-Crisis wie ins schwarze Loch des eigenen Unbewusstseins stürzenden Szene-Autor, seine auch visuell hübschen Initialzündungen. Was Jekyll träumt, wird augenblicklich Wirklichkeit: Für solche Spiele ist das Kino da. Logisch, dass das aktuelle Betthäschen den Schwanzlosen schnurstracks verlässt, die Tochter ihn nur cool für "schwanzfixierte" Missetaten bestraft sieht und auch sein Psychiater ihm hier nicht helfen kann. Doch bald widerlegt der Film seinen ersten wilden Charme: Zumindest Jekylls Zahnausfall ist eindeutig dessen eigene Horrorfantasie. Und als neben Traum- und Wirklichkeitsverwischung auch noch die Grenze zwischen Tod und Leben aufgehoben wird, ist das dramaturgische Chaos vollkommen.

Auf die Stringenz der Geschichte aber kommt es wohl in einem Film, der fortwährend vom Koksen und Kiffen, von Aufhellern und Downern und auch einmal - in einer psychedelischen Rückblende - vom Fixen redet, nicht in erster Linie an. "Suck My Dick" mag, abgesehen von seinem halluzinogenen Leit- und Leidmotiv, vor allem im manischen Einschlagen auf die Schickimicki-, Galeristen- und Pseudointellektuellenszene auch konzeptuell verkokst sein; was ihn aber verkorkst, ist etwas anderes. Der Film wirkt, vor allem wegen seiner innewohnenden Besessenheit, bei weitem nicht so komisch, wie er sein will, sondern bestenfalls unfreiwillig komisch - und dies wegen mancher in den Vordergrund, ja, man muss sagen, in den Abgrund gerückter Schauspieler. Am besten zieht sich noch Edgar Selge als Jekyll aus der Affäre: Der sonst meist aufs Kühl-Böse, zugleich ewig Hibbelige festgelegte Selge hat professionell Spaß an einer Rolle, in der er sich oder Roehler oder wen auch immer so richtig austoben darf, vom schnöselig-souveränen Literaten bis zum durchgeknallten Westentaschen-Kinski. Aber die anderen!

Wolfgang Joop als Psychiater ist der erschlagende Beweis dafür, dass die Verpflichtung von sehr anderweitig Prominenten zumindest für Hauptrollen im Kino nicht taugt. Oder wollen wir etwa künftig Amateure wie Angela Merkel irgendwo als Antigone oder Christoph Daum etwa als genialischen Impresario sehen? Der Modedesigner Joop mag einen markanten Kopf haben, aber seine Sätze presst und nuschelt er erbarmungslos fast hinter die Verständnisgrenze, und vor der Kamera gestikuliert er wie ein Laienprediger. Katja Flint agiert in der dramaturgisch wichtigen Jeanie-Rolle mit seltsam zuverlässiger Farblosigkeit, Dieter Laser als Ranicki-Verschnitt und Kunstprofessor chargiert zum Ausgleich, dass sich die Balken biegen. Und wenn all diese offenbar schwer Führbaren, zumindest schlecht Geführten en masse auftreten wie in den zahlreichen Galerie-Szenen, dann möchte sich der Zuschauer sofort in die nächstschlechtere Wirklichkeit beamen.

Wohin, Oskar Roehler? Einen "Oscar für Oskar" gibt es für diesen Film nicht, so wortspielbedürftig Joop nach der Premiere auch darauf setzen wollte. Nein, "Suck My Dick" ist ein Nebenwerk. Ein verletzlicher, insofern beschützenswerter, aber auch Besorgnis erregender Film, wie im heißen Fieber gezeugt und geboren. Aber wenn es denn ums kreative Feuer geht, ist kaltes Fieber immer die bessere Alternative.

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