Kultur : Kirch-Pleite: Die Führung aus der Hand genommen

Liebe Mitarbeiterinnen[es sind],liebe Mitarbeiter[es sind]

Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter, es sind nicht allein die Zahlen, die eine Firma ausmachen, es sind vielmehr die Menschen.

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Schwerpunkt: Bundesliga nach der Kirch-Pleite
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Zum Abschied sagt man üblicherweise eine nette Lüge. Das Überleben einer Firma hängt in Wahrheit recht wesentlich von den Zahlen ab - bei Verbindlichkeiten in Höhe von zwei Milliarden Euro und gleichzeitiger Geringliquidität können die Mitarbeiter noch so großartig sein, es nützet das Großartigkeitsein den Großartigen nimmermehr. Und der Mensch, der eine Firma vielmehr ausmacht, heißt nicht Mitarbeiter, sondern Unternehmer. Leo Kirch ist dem Urbild des Unternehmers so nahe gekommen, wie es nur geht - das klassische Einkaufen und Verkaufen, vor 400 Jahren Salz oder Muskatnüsse, heute Filmrechte, morgen irgendwelcher Gen-Kram. Einerseits handeln, andererseits neue Produkte auf den Markt werfen. Wenn der Markt ein Produkt nicht will, Premiere World zum Beispiel, dann hat nicht der Mitarbeiterfleiß versagt, sondern der Unternehmerinstinkt. Vor der Kreativität des Unternehmers, die sich von der Kreativität des Künstlers so sehr nicht unterscheidet, hat sogar Marx den allerhöchsten Respekt gehabt. Wer aber das Risiko des totalen Scheiterns nicht in Kauf nehmen möchte, der darf weder Künstler noch Unternehmer werden. Das Mitleid der kleinen Leute mit dem gescheiterten Unternehmer ist so gering wie das Mitleid mit dem gescheiterten Autor oder Regisseur. Sie wollten hoch hinaus, das haben sie nun davon! Weil die Welt mit dem Kreativen wenig Mitleid hat, muss er sich ersatzweise selbst bemitleiden.

Sie alle haben in den letzten Jahren ihr Bestes gegeben, um dies zu beweisen. So ist zwar nicht sicher, wie es weitergehen wird, aber auch die Verhandlungen der letzten Wochen haben gezeigt, dass Sie etwas Werthaltiges geschaffen haben.

Werthaltig. Schönes Wort. Kirch meint: Sogar pleite ist der Laden immer noch eine Menge wert. So eine gigantische Pleite - da muss man erst einmal hinkommen.

Es ging mir nicht darum, ein mächtiges, sondern - für Auge und Ohr - ein vertikal integriertes Medienunternehmen zu schaffen.

Wie meint er das bloß? Vielleicht so: Es ging mir nicht um Macht. Es ging mir um Schönheit. Deshalb das poetische "für Auge und Ohr", das - wie schon das "werthaltig" - stilistisch aus dem ansonsten eher vertikal integrierten, das heißt unpoetischen Brief herausfällt.

Es durfte auch erfolgreich sein.

Ironischer Scherz am Rande. Zweiter kleiner Stilbruch, womöglich eine versteckte Botschaft an den Sat 1-Mitarbeiter Harald Schmidt. Nein, dieser Mann ist nicht K.O., der steht noch.

Dabei haben inhaltliche Gesichtspunkte, wie ich sie immer im Blick hatte, die führende Rolle gespielt. Das war meine Vision, die ich mit Ihnen bis heute verwirklichen konnte. Ich hoffe, dass dies auch die Zukunft des Unternehmens bestimmen wird.

Er wird nicht konkret. Aber man versteht es auch so: Sat 1, wie er es immer im Blick hatte, darf nicht den Mongolen in die Hände fallen. Die führende Rolle haben die Inhalte gespielt, und so, wie er gestrickt ist, muss er christlich-konservative Inhalte meinen. Kirch widerspricht sich selbst. Hat er nicht gerade eben gesagt, dass es ihm nicht um Macht ging? Er meinte persönliche Macht. Gesellschaftliche Macht ist offenbar etwas anderes. Aber wie bringt er die Bundesliga oder den Pornokanal auf Premiere damit zusammen, eine inhaltliche "Vision" zu haben? Mongolische Pornos, nur das wäre schlimm, meint Kirch. Es müssen Pornos sein, die mit einer christlich-konservativen Vision einhergehen, sonst verweigert Gott den Segen für Auge und Ohr. Kirchs Weltbild könnte natürlich noch eine Spur attraktiver sein, wenn es eine Spur weniger bigott wäre.

Gerne hätte ich weiter für unsere Firma und ihre Zukunft gestanden und Sorge getragen. Nun ist mir die Führung aus der Hand genommen worden.

Im Felde unbesiegt, wie Wilhelm II. Solche Männer können nie sagen: Ich habe verloren. Ich habe mich geirrt. Ich habe gepokert und Pech gehabt. Nein, es muss immer eine finstere Machenschaft dahinter stecken.

Ich möchte mich von Ihnen verabschieden und mich herzlich für Ihre treue Zusammenarbeit mit mir bedanken.

Nicht: unsere Zusammenarbeit. Sondern: Ihre Zusammenarbeit mit mir.

Gottes Segen.

Na also. Das darf nicht fehlen. Aber es fehlt die Zuordnung. Gottes Segen - für wen? Gott soll es sich aussuchen. Das ist, aus Sicht des Briefschreibers, großzügig, wenngleich ein bisschen unvorsichtig.

Dr. Leo Kirch.

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