Kultur : "Kirschgarten": Tschechow ist unser bester Freund

Rüdiger Schaper

Gott ist nicht tot: Gott ist ein DJ. Die Erkenntnis - immerhin - hat uns das Pop-Theater gebracht. Was aber ist mit Tschechow? Diese Spielzeit hat bewiesen, allüberall: Der russische Dramatiker (und Zeitgenosse Nietzsches) ist nicht totzukriegen. Es gibt also eine Verbindung von Mode und gewissen Ewigkeitswerten. Ist Tschechow eine Juke-Box mit Oldies, die wir so lieben? Gleichen seine Dialoge einer vorrevolutionären Flipper-Partie?

Luk Perceval, der Regisseur des Hannoveraner "Kirschgartens", stellt Spielautomaten auf die Bühne und Menschen, die wie Automaten sprechen. Die Juke-Box plärrt, der Flipper summt und klingelt. Die Tschechowschen Figuren hocken in einer Talkshow-Runde, quasseln über Gott und die Unwelt, BSE, soziales Netz, rauchen, bis die Lungen pfeifen; das volle Unterhaltungsprogramm. Aber: ein "aktualisierter" Klassiker ist das nicht. Auch kein Abend voller präpotenter Regieeinfälle. In diesem "Kirschgarten" (Textfassung: Luk Perceval, Regina Guhl und das Ensemble) hat alles seine Ordnung und Natürlichkeit. Ein kleines Wunder!

Wann kommt die nächste Umwälzung?

Diese Menschen hören einander nicht zu. Sie reden Stakkato und demonstrieren, dass der Popanz Kommunikation - ein Zauberwort unserer Zeit! - auf die Vernichtung von Geist und Gefühl hinausläuft. Und das Angenehmste ist: Percevals Schauspieler führen uns nicht etwa einen kritischen Medien-Workshop vor, sondern eine handfeste Komödie. Der Verlust von Familie, Liebe, gesellschaftlichem Zusammenhang und materiellem Besitz, notabende des "Kirschgarten", der versteigert werden muss, geschieht mit einer derart erschreckenden Selbstverständlichkeit, dass Trauer, Mitleid oder Fatalismus sogleich in Pragmatismus umschlagen - und Komik.

Wie Luk Perceval solche Spannung schafft und ausbalanciert, bleibt sein Geheimnis. Was wir spüren, ist sein Mut, die Größe und Fallhöhe eines Dramas anzunehmen. Im Gegensatz zu so vielen Regisseuren der jüngeren Generation fürchtet der 1957 geborene Flame nicht die Macht des dramatischen Schicksals. Aber wenn es ein Perceval-Prinzip gibt, einen roten Faden in seinen Inszenierungen, dann ist es der Verfall. Kultur existiert, um zu degenerieren. Macht ist ein Puzzle, das vom Tisch gefegt wird. Liebe wird mit brutalem Sex quittiert. In aller Grandiosität haben wir diesen Prozess bei "Schlachten!" erlebt, Percevals zwölfstündiger Shakespeare-Orgie. Vom hohen, rhapsodischen Ton der Königsdramen zum Gossen-Slang à la "Pulp Fiction": Bei Perceval verläuft die Geschichte nicht vertikal, sondern linear, nicht im Atem beraubenden Absturz, sondern in der fulminanten Travestie.

Die "Kirschgarten"-Aufführung im Ballhof Eins des Schauspiels Hannover beginnt mit dem Ende. Firs, der alte Diener (Heinz Kreitzen), Methusalem mit weißem Rauschebart, schleicht über die Hinterbühne. Das Gut ist verkauft, die Obstbäume werden abgeholzt, die bankrotte alte Herrschaft in alle Winde verstreut. Firs, der geborene Sklave, der die Abschaffung der Leibeigenschaft nie überwunden hat, bleibt allein zurück, zum Sterben. Ein Stück Möbel, eine Antiquität. Nun wird es hell auf der Bühne, und wir sehen: Sie sind alle noch da. Die Geschichte dreht sich im Kreis. Da hocken die Gutsbewohner, der ganze Anhang, wie festgeleimt, und wie der alte Firs, so sind sie alle: verdinglichte Menschen, beseelte Gegenstände. Geschichtslos und zugleich von Geschichte beschwert und gelähmt. Selbst der neureiche Lopachin, der Emporkömmling, Sohn von Leibeigenen, der das Gut gekauft hat: Seine Vitalität, sein Tatendrang wirkt auch schon wieder verdächtig. Wie lang trägt er die Nase so hoch? Wann kommt die nächste Umwälzung und Ablösung?

Lopachin (Benjamin Höppner) spielt den Gastgeber, der sich schon jetzt seiner neuen Rolle nicht recht erfreuen kann. Die Gesellschaft, die mit einem Mal nach seiner Pfeife tanzt, hockt auf Kinderstühlen um einen Billardtisch herum - und stiehlt im die Show. Wir sehen: Der Verfall ist aufregender als das nächste Verfallsprodukt, und die alten Geschichten haben ein zähes Leben. Marion Breckwoldt als abgewirtschaftete Gutsbesitzerin Ranewskaja: Was für ein schweres Bündel von Schlagfertigkeit, unsterblich guter Partylaune und Unglück! Petja, der ewige Student (Moritz Dürr): ein gescheiter, gescheiterter Intellektueller und hochkomischer Dauerredner! Gewöhnlich wird Gajew, der Bruder der Ranewskaja, als liebenswerte, altmodische Quasselstrippe dargestellt. Hier, bei Wolf Bachofner, ist er ein aggressiv resignierter Zeitgenosse, dessen Redekrankheit epidemisch alle anderen befallen hat. Am schlimmsten den Pechvogel Jepichodow: Peter René Lüdicke ist eine Inkarnation sämtlicher Tschechow-Versager und Country-Clowns.

Man geht allein seines Wegs

Zwei Stunden, die man nicht vergisst. Weil Perceval nie sein Konzept über den schauspielerischen Prozess stellt. Weil er sich auf das Ensemble einlässt und dabei auch riskiert, dass die Kirschgarten-Party in ein Fiasko mündet. Da warten sie auf das Ergebnis der Versteigerung. Saufen Wodka aus Flaschen. Kotzen in Blumenvasen. Lassen die Hosen runter. Fallen wie die Tiere übereinander her. Gröhlen, schießen, bluten. Feiern ums Verrecken eine richtig widerliche, abgefuckte Orgie. Nicht, dass Perceval plötzlich auf Tschechow spuckt. Der Krawall ist total überorchestriert. Alles im Eimer? Doch nicht. Sie beruhigen sich wieder . Und Lopachin und Warja (Oda Thormeyer) spielen eine zarte, stumme, Herz zerreißende Szene von Liebe und Abschied. So sind, klassisch, die "Heiratsanträge" bei Tschechow. Keiner bringt einen Ton heraus, und man geht allein seines Wegs.

Der Rest ist Gerede.

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