Kultur : Kitsch mit Kindern, Wahrheit ohne Worte

KERSTIN DECKER

Der kleine Junge steht da und lächelt.So ungefähr wie Tadzio bei Thomas Mann.Seiner Macht bewußt, herausfordernd und doch mit der ganzen Unschuld eines Kindes.Der alte Mann, schon zum Gehen gewandt, ist besiegt.Jeden Preis würde er jetzt zahlen für den Jungen.Und dann sollen alle es wissen: Er, Lin Wang, der Straßenkünstler, genannt der "König der Masken", hat einen Sohn, einen Erben! Nicht, daß Wang viel zu vererben hätte, eigentlich sind es nur ein Äffchen und ein Boot, aber die Kunst der Masken wird nun leben, auch wenn er nicht mehr ist.Lin Wang hat einen Sohn!

Noch nie hatte der kleine Junge es so gut wie bei Lin Wang.Darum paßt er gut auf auf sein Glück.Und niemand hatte je einen besseren Sohn als Lin Wang.Nur einmal passiert etwas, woran der Junge nie gedacht hätte.Großvater (so nennt er ihn) wird auf der Straße verletzt und verlangt, daß der Sohn die Hose öffnen und die Wunde naß machen solle.Das würde helfen.Aber der Achtjährige zögert, Lin Wang ist erstaunt, dann böse, sein Sohn aber fängt hemmungslos an zu weinen.Er ist - ein Mädchen.

"Der König der Masken" lebt ganz aus den Gesichtern des Großvaters und des Mädchens.Selten wirkte ein Film so unmittelbar, ohne vorher den Verstand zu fragen.Welche Wehrlosigkeit gegenüber einem Werk, das man Kitsch nennen müßte, wenn es nicht so wahr wäre.So wahr das Entsetzen, die grenzenlose Enttäuschung des alten Mannes.Nur ein Mädchen habe ihm soetwas antun können! Die Falschheit des Weibes eben.Der feminine Charakter, seit je gebildet durch Schein und Verstellung.Daher Doggies (Chao Yim Yins) wissende Augen, schon vorher, als sie noch ein Junge war.

Eigentlich ist es seltsam, daß man traditionell den Männern die Fähigkeit des Denkens, der Reflexion zuschrieb.Macht Selbstherrlichkeit nicht dumm? Wird man nicht denkend erst am Widerstand? So wie Doggie, das Kind, einfach nicht begreift, warum sie, immer dieselbe, als Junge alles gilt und als Mädchen gar nichts.Nicht begreift, daß zwischen Alles und Nichts manchmal nur eine Minute liegen kann und die fehlende Teekannentülle.Natürlich jagt Lin Wang sie weg.Aber Doggie ist ein Kind, sie kann nicht glauben, was sie längst weiß und schwimmt dem Boot ihres Großvaters hinterher.Doggie kann nicht schwimmen.Der König der Masken muß sie aus dem Wasser holen.Er wird sie behalten müssen, als Dienerin.

Das Wunderbare an diesem chinesischen Film von Wu Tian Ming ist, daß er in keiner Minute aussprechen muß, was er so überdeutlich sagt.Wie sollte man jenen Zustand auch nennen, in dem die beiden nun zusammenleben? Gibt es denn ein höheren Frieden als er in dem resigniert-einverstandenen Seufzen des Großvaters aufklingt: "Ach Doggie, wenn du doch ein Junge wärst!" Und Doggie nennt ihn, wie an jedem Tag seit sie wieder ein Mädchen ist, nur "Herr!", aber in Wirklichkeit sagt sie noch immer oder schon wieder "Großvater!" Was liegt schon an den Worten? Was macht es, daß sie nur noch zum Saubermachen und Kochen bleiben darf? Wozu kann man achtjährige Mädchen sonst auch gebrauchen?

Und dann sehen wir, wie Doggie mit aller Neugier des Kindes die Schachtel mit den verbotenen Masken öffnet, deren Kunst sie als Mädchen nun niemals lernen wird.Käme dieser Film aus Europa oder Amerika, wäre das wohl der Anfang vom guten Ende, hier ist es der eigentliche Beginn des Unglücks.

Regisseur Wu Tian Ming war ein Wegbereiter der Studentenproteste in China.Er kehrte 1994 aus dem amerikanischen Exil zurück.Sein "Herr der Masken" ist ein Film voll zauberischer Intimität und hat doch die Dramatik einer großen Oper.Also diese entschlossene Leben-oder-Tod-Selbstopferungs-Kamikaze-Dramatik.Schwer auszuhalten eigentlich und irgendwie auch viel zu groß für die Geschichte eines alten Straßenkünstlers und eines kleinen Mädchens.Wenn sie ihr nicht so natürlich wäre, viel natürlicher als all den erkünstelten Bühnen-Handlungen.Theatralik, die ganz ohne theatralische Momente auskommt.Nichts ist wahrer.

Blow Up, Lupe 2

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