Kultur : Klänge wie Schwärme

Zum Tod des österreichisch-ungarischen Komponisten György Ligeti

Christiane Tewinkel

Wenn man alles richtig macht, hat György Ligeti einmal über sein Klavierkonzert gesagt, hebe die Musik ab wie ein Flugzeug nach dem Start; das Ins-Schweben-Geraten, das Aufgehen der einen Struktur in einer anderen, gehöre zu seinen wichtigsten Vorstellungen. Dass ein Chorwerk wie „Lux aeterna“, ein Stück wie „Atmosphères“, das György Ligeti 1961 über Nacht berühmt gemacht hatte, in Kubricks „2001: A Space Odyssey“ eine kongeniale Bildfläche fand, wird nur den verwundern, der die einzige Möglichkeit der Musik zur Ver-Rückung, zum Entgrenzten, Parallelwelthaften tatsächlich bloß im Eins-Zwei-Drei des Tanzes sieht oder der orgasmischen Kraft spätromantischer Harmonik. Von fern grüßen in Kubricks Weltraum-Epos also Strauß’ (Johanns) Walzerseligkeit und Strauss’ (Richards) Zarathustraübermenschentum.

Doch ist es Ligetis Musik, die staunen macht. Dieses Anhalten des Augenblicks, diese Klänge, die still sind, aber endlos schwingen. Ein leises Schweben und Flirren in Schwerelosigkeit, das der deutschen Avantgarde seinerzeit, in den frühen Sechzigerjahren, zeigen mochte, wie es auch gehen kann. Wenn man sich vom Serialismus allein die Liebe zum detailgenau Durchkonstruierten bewahrt, indessen die Flucht nach vorn antritt, hin zum fast Indifferenten. Sich von der Elektronik allein die Möglichkeit zur Fläche abschaut. „Ich mag eigentlich den Lautsprecherklang nicht“, so Ligeti. Wenn man andererseits beim Komponieren die Tonalität aussperrt und Klangflächen ausbreitet aus eng sich lagernden Stimmen, die sich langsam fortbewegen und unmerklich verwandeln, wie ein musikalisches Yrr-Heer: Bis zu über 80 Stimmen drängen sich in „Atmosphères“. Einhundert Metronome werden es bald danach sein, im „Poème symphonique“ von 1962.

Aufgrund seines jüdischen Glaubens wurde dem 1923 in der siebenbürgischen Kleinstadt Dicsöszentmárton Geborenen der Zugang zur Universität verwehrt. Statt sich für Physik zu immatrikulieren, geht Ligeti ans Klausenburger Konservatorium, wo er Orgel und Musiktheorie studiert und privat Kompositionsunterricht nimmt. „Permeabilität“, ein Terminus aus der Physik, wird ihm als Begriff für die Durchlässigkeit von Klangschichten bleiben. Nach Kriegsende zieht Ligeti nach Budapest, wo er bei der Aufnahmeprüfung auf den jungen György Kurtág trifft, später bereist er in musikethnologischer Mission Rumänien, Volkslieder sammelnd und aufzeichnend.

Sechs Jahre lang unterrichtet Ligeti dann selbst an der Budapester Hochschule. Er verfasst ein Harmonik-Lehrwerk und beschäftigt sich mit der Zweiten Wiener Schule. Im kommunistischen Ungarn wird seine eigene Musik kaum aufgeführt. Nach dem Aufstand 1956 verlässt Ligeti die Heimat; Wien wird ihm Durchgangsstation, bald danach trifft er auf Einladung Stockhausens in Köln ein. Die hier gesammelten Erfahrungen werden prägend für Ligetis neue Bahnen, trotz seiner Zurückhaltung der elektronischen Komposition und dem Serialismus gegenüber. „Ich wäre ein ganz anderer Komponist, wenn mir diese Jahre fehlen würden“, urteilt er später.

1965 entsteht das „Requiem“, 1968 das „Continuum“ für Cembalo – ein Stück wie aus einem frühen Minimalismus-Lehrbuch, ein Schwarm in eiskühlen Terzen, Quarten und Sekunden. Wer 16 Töne pro Sekunde schafft, hat schnell genug gespielt. 1973 folgt Ligeti einem Ruf an die Hamburger Musikhochschule, 1978 entsteht die Oper „Le Grand Macabre“, die er 1997 umschreiben wird: ein maxi- mehr als minimalistisches Musiktheater-Großprojekt, überbordend von Zitatideen, Impulsen und Isorhythmien, ein Gemälde einer untergehenden „kaputten und doch glücklich gedeihenden, versoffenen, verhurten Welt des imaginären Breughellandes“ (Ligeti).

Im Alter beginnt der polyglotte, kosmopolitische, mit dem Praemium Imperiale, dem Ernst-von-Siemens- und dem Adorno-Preis ausgezeichnete Komponist, seine Musik noch einmal in den freien Raum auszusenden. Ligeti beschäftigt sich mit nicht-temperierten Tonsystemen, mit afrikanischer und asiatischer Polyrhythmik. Weltmusiken, permeabel: „Die europäische Musik braucht eine kulturelle Injektion von außereuropäischer Musik – und zwar nicht als Fusion, Crossover oder Worldmusic.“ Gestern verstarb György Ligeti nach schwerer Krankheit 83jährig in Wien.

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