Klangkunst : Das innere Ohrenkind

Der Akustiker Bernhard Leitner stellt im Hamburger Bahnhof aus. Die Klangwelt ist keine Scheibe. Bei Leitner bewegt sich auch in vertrikalen Ebenen.

Jens Hinrichsen
Leitner
Ich klinge, also bin ich. Bernhard Leitners Tonraumskulptur ist nur hörend zu sehen. -Foto: Jens Ziehe

Den Augenmenschen kann das Ambiente nur enttäuschen. Neun Holzlatten aus dem Baumarkt, bestückt mit einer Vielzahl von Lautsprechern, bilden eine Art Tunnelskelett. Man muss hindurchschreiten, um eine ästhetische Erfahrung machen zu können, muss gehend hineinhören in den Klang. Und auch in sich selbst. Umdenken.

Bernhard Leitners Kunst steht quer zur Dominanz des Visuellen in den Museen. Immerhin präsentiert der Hamburger Bahnhof dank seines Chefs Eugen Blume nun die „Tonraumskulptur“ – Leitners rund 40 Jahre alte, bahnbrechende Erfindung. Präziser wäre der Plural: Unendlich viele Skulpturen oder Räume können durch verschiedene Lautsprecherapparaturen erzeugt werden. „Räume aus Klang“, nennt sie Bernhard Leitner (Jahrgang 1938), „die in der Zeit entstehen und wieder vergehen.“

Leitner will akkustische Bauwerke errichten

Der emeritierte Wiener Medienprofessor und Klangkunstpionier drückt einen Knopf am Harddisk-Gerät und schickt den Besucher zwischen den beiden Bodenlatten hindurch. Unerhörte Klanggestalten steigen auf und ab, Tonspiralen kreisen um den Hörer, bald mischen sich Frauenstimmen hinein, Flüstersirenen. Dann dehnt sich eine knacksend-knisternde Geräuschwolke. Wie im akustisch hochgerüsteten Kino?

Anders und besser: Leitner will keine Quasi-Realität simulieren, sondern durch Crescendi und Diminuendi, mit vibranten und linearen Klängen „Bauwerke“ errichten. Außerdem bieten sowohl Surroundsysteme im Kino als auch die Kunstkopf-Stereofonie nur einen horizontalen Raumeindruck, wie Leitner erklärt. Bei ihm bewegen sich die Klangereignisse auch in der Vertikalen, die Hörwelt ist schließlich keine Scheibe. Auf Skizzen von 1975 sprießen denn auch Dreiklangfontänen aus dem Boden, werden menschliche Figuren von Akkordkuppeln umschlossen.

Bioakkustik: „Ich klinge, also bin ich“

Weitere Diagramme und Notate flankieren die begehbare Apparatur im Kernbereich der Ausstellung. Was in Leitners Tunneln, Würfeln („Soundcubes“) noch möglich ist, lassen Plexiglasmodelle ahnen: Klänge bilden eine barocke Schraubenfigur um den Rezipienten, überwölben ihn mit Torbögen, schwingen hin und her wie unsichtbare Pendel. Mittendrin steht der Mensch, der in Leitners „Tonliege“ (leider nur als Skizze dabei) sogar zum Gefäß wird: „Der Klang geht durch den Körper hindurch“, erzählt Leitner, „Ich nenne das ‚Bioakustik‘“. Überhaupt: Streng genommen existiert kein Ton, wenn wir ihn nicht hören, mit den Ohren, der Schädeldecke, dem Magen und den Füßen. „Ich klinge, also bin ich“ lautet entsprechend Bernhard Leitners Credo.

Der Künstler hat in Wien Architektur studiert, sich daneben auch mit Tanz, John Cage, Morton Feldman und Klassik beschäftigt. Es erscheint logisch, dass er die Musikstadt Wien verlassen musste, um – Heureka! – im Flugzeug nach New York unvermittelt auf die Idee der akustischen Raumerzeugung zu kommen. In seinen New Yorker Jahren bis 1981 entwickelte er erst theoretisch, dann praktisch seine Klangräume, die mit Musik wenig zu tun haben. Mozart kann eine Fessel sein, Jazz und Hip-Hop ebenso. „Wir müssen mehr der Natur lauschen“, sagt Leitner und erzählt vom Maisfeld am Wiener Atelierfenster, das jeden Tag anders klingt, „mal weich vom Regen, mal raspeltrocken.“

Leitners Enthusiasmus steckt an. Seine Klangräume fordern die Sinne heraus, und wer in ihnen spaziert, will so bald nicht heraus. Mancher Augenmensch entdeckt sogar sein inneres Ohrenkind.


Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, bis 24. März; Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sa. 11–20 Uhr, So. 11–18 Uhr, Die Zeitschrift „Museum für Gegenwart“ Nr. 12 anlässlich der Leitner-Ausstellung kostet 10 Euro.

Im Verlag Hatje Cantz hat Bernhard Leitner außerdem gerade „.P.U.L.S.E. – Räume der Zeit“ veröffentlicht. 199 S., 39,80 €

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