Klangkunst : Wer nicht sehen kann, muss hören

Es zirpt, knackt und rauscht: In einem Wasserspeicher in Prenzlauer Berg werden unsichtbare Skulpturen ausgestellt

Kolja Reichert

Hinter dem Rücken knackt es. „Ich war’s nicht“, sagt die Begleiterin. Vom Deckengewölbe fällt ein Rauschen wie Störsignale aus dem Radio. Oder summen und zirpen Insekten so fies, dass es im Gehörgang kratzt? Mit jedem Schritt scheint das Gewölbe sich zu verändern. Es fällt schwer, den Augen zu trauen. Alles ist sichtbar, sagen sie. Trau ihnen nicht, sagt das Ohr.

Die Geräusche, die derzeit den Kleinen Wasserspeicher in Prenzlauer Berg füllen, wirken so plastisch, als ließen sie sich anfassen oder zumindest ansehen. Wenn Carsten Seiffarth von der Singuhr Hörgalerie die Ausstellung „Vice Versa“ beschreibt, redet er auch so, als könnte er das. Mit „hellen, körnigen Klängen“ wolle man „den Raum ausleuchten“, erklärt er. Mit seiner kräftigen Statur in Jeans und T-Shirt weckt Seiffarth eher den Eindruck eines Bühnentechnikers als den eines Galeristen, eines Mannes zumal, der sich mit zu flüchtigen Erscheinungen wie Schallwellen beschäftigt. Künstlerischer Spürsinn und ein feines Gehör sind Voraussetzung für seine Arbeit, darüber hinaus ist der gelernte Posaunist ein Rebell. Schon als Musikstudent interessierte ihn, wie man die übliche frontale Musikvermittlung in einem Konzertsaal aufbrechen könnte. Vor elf Jahren hat Seiffarth in der Parochialkirche die „Singuhr Hörgalerie“ gegründet, die weltweit erste Institution, die dauerhaft Klangkunst ausstellt. Ihren Namen verdankt sie Deutschlands größtem Glockenspiel, das einst in der Kirche seinen Platz hatte. 55 Ausstellungen und drei Festivals hat Seiffarth dort organisiert. Von den jüngsten Nutzungen der Kirche als Partyraum abgeschreckt, suchte man einen neuen Ort.

Die Wasserspeicher in der Nähe des Kollwitzplatzes, zwischen 1853 und 1892 erbaut, sind eindrucksvolle Kathedralen des Industriezeitalters. Seit Jahren finden hier Konzerte und Kunstprojekte statt, auch Seiffarth war schon beteiligt. Das Gelände mit dem Park, der sich über die Speicher wölbt, ist frisch saniert. Darunter wird die Singuhr Hörgalerie den Sommer über ihre eigenartigen Geräuschlandschaften inszenieren.

In jedem der elf Raumteile, die sich im kleinen Speicher um eine runde Bühne herum gruppieren, ist ein Lautsprecher an einem Drahtseil aufgespannt und nutzt die Decke als Reflektor. Ein Netz aus 35 Sensoren registriert die Bewegungen der Besucher und sendet sie an einen Rechner, der Schall und Beleuchtung steuert. Am Boden liegen Stahlplatten, die beim Näherkommen in Schwingung versetzt werden. Sie klingen wie Bratschen, die auf Walgesang machen. Es fällt schwer, sich hier zu verorten, der Raum scheint mitzudenken und hält seine Gäste in ständiger Wachsamkeit, ohne sein eigenes Geheimnis preiszugeben.

„Vice Versa“ heißt die Eröffnungsausstellung. Unter Leitung des kanadischen Klangkünstlers Robin Minard haben sich Studenten des Weimarer Studios für elektroakustische Musik mit den Eigenheiten der Räume auseinandergesetzt. „Wir wollten Gegensatzpaare thematisieren“, so Seiffarth. Das ist gelungen. Herrscht im kleinen Wasserreservoir ein Gefühl der Verunsicherung und des Unbehagens, empfängt einen im großen Speicher ein warmer, obertonreicher Klang. Helle Geräusche wie von Wassertropfen mischen sich ein. Die Wahrnehmung weitet sich. Vertikale Lichtröhren locken den Besucher durch vier Rundgänge zur Mitte, wo der Klang an Kraft gewinnt. Ein kleines, unscheinbares Fenster in einer Holztür gibt den Blick auf das Zentrum der Installation frei: Eine über 20 Meter lange Stahlsaite spannt sich durch den Schwimmerturm und strahlt golden im Licht kleiner Halogenleuchten. Ein Körperschallerzeuger versetzt sie in Schwingung, diese wird abgenommen, über die Lautsprecher verstärkt und durch die bis zu 18 Sekunden langen Nachhallzeiten des Gewölbes aufgefächert. Eine harmonische, sakrale Atmosphäre entsteht. „Hi-Fi“ nennt es Robin Minard nüchtern.

Der Kanadier, der seit zehn Jahren in Weimar lehrt, verliert kein überflüssiges Wort, lieber führt er durch den Raum und lässt den sprechen. Er hat seine silbrigen Haare akkurat zurückgekämmt, sein scharfer Blick zeugt von hoher Konzentration. Er gleicht selbst einer Saite.

Einem neuen Raum begegnet er „wie einem Instrument“. Er durchschreitet ihn, macht Geräusche und wartet ab, wie der Hohlkörper reagiert. Eigentlich, so sagt er, sei der Raum selbst die Arbeit. „Jeder Musiker weiß das.“ Robin Minard beschäftigt sich seit den frühen Achtzigern mit Klangkunst im öffentlichen Raum. Ginge es nach ihm, würde sich Architektur weniger auf das Sichtbare beschränken. Stadtplaner sollten bei ihrer Arbeit die Akustik nicht vergessen, sagt er. „Räumliche Erfahrung geht durch die Ohren. Wir können das gestalten.“ Ein einfaches Beispiel seien Teppiche. Durch die Absorption der Raumgeräusche schüfen sie tote Architektur. „Stille“, so der Künstler, „ist nicht die Abwesenheit von Klang.“

Dann zeigt Minard eine Klangerfahrung, die keinen Künstler braucht, ein Zufall der Architektur: Wer an einer bestimmten Stelle in den äußeren Rundgang spricht, begegnet sich auf unheimliche Weise selbst. Die Stimme wandert einmal um den Wasserspeicher und spricht einen von hinten an.

Lange bevor der Mensch sieht, hört er. Eine vorbegriffliche Macht der Klänge hält unsere Wahrnehmung in Schach. In der Unterwelt Prenzlauer Bergs wird sie spürbar.

„Vice Versa“, Singuhr Hörgalerie, bis 22. Juli, Mi–So 14–20 Uhr; Zugang zum kleinen Wasserspeicher über die Diedenhoferstraße.

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