Kultur : Klarinette statt Knarre

Ein Jugendorchester in Venezuela holt seine Mitglieder von der Straße

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Von Philipp Lichterbeck

Gustavo Dudamel sprintet durch die katakombenartigen Gänge unter dem Parque Central, einem weißgrauen Hochhausriegel im Zentrum von Caracas. In den oberen Etagen befinden sich Wohnungen und Büros, im Erdgeschoss und Keller Geschäfte, Restaurants, Mehrzweckräume. Eben noch saß Gustavo im zwölften Stock, tief gebeugt über eine Partitur, die in drei Tagen uraufgeführt werden soll. „Ist erst halb fertig“, stöhnt er. Dann hat er zehn Minuten auf den Aufzug warten müssen, der irgendwo stecken geblieben war. Gustavo bleibt an einem Wasserspender stehen, wäscht sich den Schweiß von der Stirn, rennt weiter: Rolltreppen runter, um zahlreiche Ecken, im Zickzack durch belebte Einkaufspassagen. Schließlich macht er vor einer grauen Doppeltür halt. Die Uhr: kurz vor sechs. Als Gustavo eintritt, sitzen 200 Musiker schlagartig still. Er geht zum Dirigentenpult, ruft „Guten Abend, dann wollen wir mal mit Tschaikowskis Fünfter. Elan bitte! Wir wollen Deutschland nicht enttäuschen.“

Gustavo Dudamel ist gerade 21 Jahre alt geworden und Dirigent der Jungen Philharmonie Venezuelas. Er trägt eine randlose Brille auf der Nase und ein immerwährendes Lächeln auf den Lippen. In Venezuela ist Gustavo so etwas wie ein Klassikstar. Experten rechnen sein Ensemble zu den besten Jugendorchestern der Welt. Jede Nacht kurz vor 0 Uhr ist er im staatlichen Fernsehen beim Dirigieren der Nationalhymne zu sehen. Seit einer Aufsehen erregenden Deutschlandtournee im Herbst 2000 kennt man Gustavo und sein Orchester auch außerhalb Südamerikas. In Münchens Philharmonie tanzten die Zuschauer damals zu Bernsteins Mambo auf den Stühlen. In der Berliner Philharmonie winkten ältere Damen wie beim Stierkampf mit Taschentüchern. Die in bunte Trainingsanzüge gekleideten Musiker auf der Bühne herzten sich, als hätten sie die Fußballweltmeisterschaft gewonnen.

Auch im Keller des Parque Central ist er wieder spürbar, dieser rhythmisierte Enthusiasmus. Die Kontrabassisten tanzen mit ihren Instrumenten Salsa, der Junge an der Pauke schwingt die Hüften als habe er eine karibische Steeldrum vor sich. „Das ist Klassik mit Feuer im Arsch“, erklärt der Wachschutzmann, der eigentlich die umliegenden Geschäfte bewachen soll. In Venezuela ist in den letzen drei Jahrzehnten ein System von Jugendorchestern entstanden, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Gustavo und seine jungen Philharmoniker sind nur die leuchtende Spitze dieser Bewegung. „Unser Erfolg hat einen einfachen Grund“, sagt Gustavo , „wir integrieren arme Kinder, Straßenkinder, Kinder ohne Familien. Nimm beispielsweise Lenard, der hat vier Menschen auf dem Gewissen. Aber den wirst du später sehen. Oder triff dich mal mit Gladis.“

Gladis ist eine etwas dickliche Mulattin. Sie wohnt auf einem der wild bebauten Hügel, die das Zentrum von Caracas umschließen. Als Gladis vierzehn war, wurde sie von ihrem Vater missbraucht, von der Mutter verstoßen. Sie lebte monatelang auf der Straße und schnüffelte Kleber, ernährte sich von Hundefutter. Dann entdeckte sie, dass es in ihrem Viertel ein Orchester gab. „Die Tuba hat mich gleich fasziniert“, erzählt sie, „und sie hat mich gerettet. Meine Freunde von früher können mich mal.“ Gladis wohnt wieder bei ihrem Vater, hat sich mit ihm versöhnt. „Wenn ich denke, ich müsste wieder was nehmen, spiele ich einfach Tuba. Das ist jetzt meine beste Freundin.“

„Schau, wir betrachten Mädchen wie Gladis nicht als Problemfälle, sondern als potenzielle Musiker.“ Gustavo beherrscht nicht nur die Rolle des Dirigenten. Auch den Sozialarbeiter gibt er perfekt. „Musikalität steckt eben nicht in den Genen, sondern gedeiht, wenn man die Strukturen schafft, in denen das möglich ist.“ Wer sich etwa nach Petarre wage, ein für seine Bandenkriege berüchtigtes Armenviertel, solle sich nicht wundern, wenn durch die fensterlosen Öffnungen der schnell zusammengebauten Backsteinhäuser Mahler oder Mozart töne. „Klassische Musik ist in Venezuela keine Frage der Klasse oder Rasse mehr“, so Gustavo.

Die staatliche Stiftung FESNOJIV, die das System der Jugendorchester unterhält, hat mehr als 150 Musikzentren mit 150000 Schülern im ganzen Land aufgebaut. Diese „Nucleos“ genannten Musikschulen existieren in allen Städten, in den abgelegensten Bauerndörfern, in Indiogemeinden. Manchmal bestehen sie aus mehrstöckigen Betonbauten mit schalldichten Proberäumen; woanders wird zwischen Rinderweide und Maisacker geprobt. Jedem Kind, das in einem der „Nucleos“ auftaucht, wird ein Instrument in die Hand gedrückt und es erhält kostenlosen Unterricht. Fast eine halbe Million Jugendlicher haben das System bisher durchlaufen. Wenn man mit Gustavo durch das kleine koloniale Zentrum von Caracas läuft, geht es zu wie bei einer Audienz. Alle hundert Meter muss er Bekannte grüßen, wird umarmt und geküsst. In Venezuela sei ein Heer aus Musikern entstanden, sagt er. „Seine Angehörigen erkennen sich auf der Straße an ihren Instrumentenkoffern. Es herrscht eine Art Komplizenschaft, ähnlich wie bei einer Straßengang.“ Jeder Bürgermeister in Venezuela möchte mittlerweile, dass FESNOJIV ein Orchester in seinem Ort gründet. Im vergangenen Jahr wurde das Engagement der Stiftung mit der Verleihung des Alternativen Friedensnobelpreises in Stockholm gekrönt.

Die Geschichte der Stiftung begann vor 27 Jahren inmitten von Autoabgasen. Aus Mangel an Räumen gründeten elf Musiker das erste Jugendorchester Venezuelas in einer Tiefgarage in Caracas. Kopf der Gruppe war José Antonio Abreu, Dirigent, Mathematiker und Ökonom. Er ist heute Vorsitzender von FESNOJIV, die im 42. Stockwerk von Parque Central ihre Büros haben. Abreu, der von Mitarbeitern in Abwesenheit „Papa Dios“ („Gottvater“) genannt wird, sitzt in einem vor der gleißenden Sonne abgedunkelten Raum, umgeben von Fotos, die ihn mit Guiseppe Sinopoli, dem Papst, und Hugo Chávez, dem Präsidenten Venezuelas, zeigen. „Ich empfand es 1975 als Skandal“, erzählt der kahlköpfige Abreu, „dass in den beiden Sinfonieorchestern meines Landes fast ausnahmslos Europäer und US-Amerikaner spielten. Heute ist es umgekehrt. Venezuela ‚exportiert’ Musiker in die Orchester des Nordens.“

Für Aufsehen sorgte der Fall des heute 19-jährigen Lenard. Mit neun beging er seinen ersten Mord. Als er vierzehn war, hatte er drei weitere Menschen umgebracht. Er kam in ein Heim für schwer erziehbare Jugendliche. Als FESNOJIV dort ein Orchester aufbaute, entschied sich Lenard für die Klarinette. Er schaffte es bis ins Jugendorchester von Caracas. Nun macht der höfliche junge Mann eine Lehre als Zimmermann. Jede Woche kehrt er ins Heim zurück, um mit den anderen Kindern zu proben. „Ohne die Musik wäre ich heute tot“, sagt er, „besser ’ne Klarinette in der Hand als ’ne Knarre.“ Als Gustavo die Probe im Keller des Parque Central beendet, schalten seine Musiker ihre Handys wieder ein, einige Mädchen ziehen Lippenstift nach. Gustavo ruft noch mal in den Saal, dass die Berliner Philharmonie für Musiker so etwas sei wie das Maracanã-Stadion für Fußballer. Aber das hören nur noch die wenigsten. Gustavo hat es eilig. Im zwölften Stock wartet eine Partitur auf ihn.

Die Junge Philharmonie Venezuelas spielt heute um 11 Uhr in der Philharmonie.

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