Kultur : Klassenkämpfer

Zum 70. Geburtstag der Kinolegende Costa-Gavras

Peter W. Jansen

Loutra Iraias, heute ein begehrtes Touristenziel mitten auf dem Peloponnes, war vor fünf Jahrzehnten noch ein lausiges Chorio. Kein Wunder, dass jemand, der dort geboren wurde, am 13. Februar 1933, und mehr im Sinn hatte als eine über alle Maßen idyllische Landschaft, schnell das Weite suchte. So kam der junge Mann namens Konstantinos Gavras, Kind eines Russen und einer Griechin, aus Arkadien in die lärmenden Metropolen, nach Athen und bald weiter nach Paris. Während er an der Sorbonne Literatur studierte, muss ihn der Hafer gestochen haben. Er sattelte um aufs berühmte „ Institut des Hautes Études Cinématographiques“, die Kaderschmiede des französischen Films.

Dass er Regieassistent bei René Clair, Yves Allégret und Jacques Demy war, blieb nicht ohne Folgen für seine eigenen Filme. In ihnen dominiert der schiere, ungebrochene Realismus, diktiert ein ungebärdiger Glaube an die Darstellbarkeit undurchschaubar komplizierter Konflikte den visuellen Gestus. Nur so allerdings, geradezu stur vertrauend auf die eigene politische Moral und das stringente filmische Rezept, konnte ihm der Film gelingen, der ihn zum Ruhm trug. „Z“ (1968), der militant argumentierende Polit-Thriller über den Terror der Militärjunta in Griechenland, wurde als bester nicht englischsprachiger Film mit dem Oscar dekoriert und bekam in Cannes den Jury-Preis. „Z“, auch kommerziell in aller Welt erfolgreich, begründete eine internationale Karriere, die Constantin Costa-Gavras, wie er sich jetzt nannte, zum Preisträger vieler Festivals und zum Fahnenträger des politischen Films machte. Als hätte es Francesco Rosi nie gegeben.

Kommerziell erfolgreich, aber wegen seines radikalen, kaum einmal differenzierten Antikommunismus von der intellektuellen Kritik eher zwiespältig aufgenommen, war schon im Jahr darauf „Das Geständnis“. Der Prager Schauprozess gegen einen hochrangigen Politiker geriet als Film zu einem durchaus beeindruckenden Pamphlet, dessen propagandistische Überredungskraft unterfüttert ist durch einen scheinbar objektiven Dokumentarstil und durch eine sich sachlich, überparteilich gebende Analyse. Dass Film auch etwas Gemachtes ist, davon wird man bei Costa-Gavras nie etwas erfahren.

Einige Male hat er sich jenseits „seines“ Genres, des Polit-Thrillers, auf anderes Gelände begeben, wo er mit „Liebe einer Frau“ und der Gangsterkomödie „Ehrbare Ganoven“ schrecklich eingebrochen ist. Auf der Höhe seines Handwerks zeigen ihn nur „Missing“, der sich mit der Verve von „Z“ der US-amerikanischen Intrige gegen das Chile der Unidad Popular und Allendes annahm, in Cannes die Goldene Palme erhielt und Costa-Gavras endgültig in den Pantheon des internationalen Kinos beförderte, oder „Hanna K.“ mit der fulminanten Parteinahme für die Sache der Palästinenser oder „Music Box“, die Geschichte einer jungen Frau, die des abgöttisch geliebten Vaters mörderische nationalsozialistische Vergangenheit aufdeckt.

Dieser Filmemacher hat stets die Nase im Wind gehabt, sie aber nie nach dem Wind ausgerichtet. Die Vielseitigkeit seiner politischen Themen und seine Angriffsziele weisen ihn als politisch unbestechlich aus. Dass er mit eben der gleichen Wut gegen rechts wie gegen links indoktrinieren kann, macht ihn allerdings auch fragwürdig. Hat er eine Haltung jenseits des Thrillers? Mit dieser Frage können sich jedenfalls leicht alle beruhigen, die sich durch seine „Stellvertreter“-Verfilmung nach dem Stück von Rolf Hochhuth im vergangenen Jahr in ihrem Glauben beunruhigt fühlen. Arkadien jedenfalls ist für immer verloren.

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