Klassik : Auch Essen gehen kann inspirieren

Von Liszt lernen: eine Begegnung mit dem scheuen Pianisten Evgeny Kissin. Am Montag Abend tritt er in der Philharmonie auf

Christiane Tewinkel

Evgeny Kissin, 1971 in Moskau geboren, wohnhaft in Paris, ein Klaviergenie. Mit einem knappen Jahr soll er das Thema einer Bach-Fuge nachgesummt haben, die seine Schwester gerade spielte, mit sechs wurde er der berühmten Klavierlehrerin Anna Pawlowna Kantor vorgestellt, mit zwölf gab er in Moskau sein Debut, Silvester 1988 dann spielte er Tschaikowskys b-Moll-Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan: der Durchbruch zu einer großen internationalen Karriere.

Heute ist Evgeny Kissin 37 Jahre alt. Er öffnet die Tür für uns, seine Bewegungen sind ein wenig hakig, er trägt ein buntkariertes Hemd und ein Sakko mit Glencheck-Muster, dazu braune Stoffhosen und schwarze Slipper. Höflich ist er! Bittet Platz zu nehmen, offeriert Wasser, „etwas Obst?“ Seine Stimme klingt ein wenig kratzig, fast so, als ob er noch im Stimmbruch sei, er zischelt und dehnt seine Hände, besonders die rechte, lässt sich Zeit mit den Antworten, hebt dann und wann eine Augenbraue, wundert sich – „warum nicht?“, „natürlich!“, „aber sicher“. Zum Beispiel auf die Frage, ob man tatsächlich, wie angeboten, seinen Glücksbringer sehen dürfe, ein Taschentuch, das er in der Brusttasche seines Konzertfracks aufbewahrt.

Arthur Rubinsteins älteste Tochter Eva übersandte es ihm 1993 ins Künstlerzimmer der Carnegie Hall, nachdem sie ihn hatte spielen hören, „ich hatte Tränen in den Augen“, schrieb sie. Jedes Jahr hatte ihr Vater zum Geburtstag ein solches Tüchlein erhalten; Kissin zeigt das gefaltete Taschentuch, ein hellblaues „AR“ ist eingestickt, dazu Blumen, ein Zweiglein, die Jahreszahl 1973. Noch einmal steht Kissin auf, holt seinen Frack, ein goldener, diamantbesetzter Notenschlüssel steckt im Revers, „ein Geschenk von meinem italienischen Agenten“. Arturo Benedetti Michelangeli habe einen zweiten solchen Notenschlüssel besessen.

Tatsächlich, Kissin steht in einer großen Tradition. Er ist unabhängig von den Klaviermoden und Klaviermodels unserer Zeit, lässt sich nicht hineinreden in seine Programme („Wer entscheidet, was Sie spielen?“ – „Na, ich.“), reist stets mit einem Tross aus Familie und familienzugehöriger Klavierlehrerin. Anna Kantor war Ur-Ur-Schülerin von Franz Liszt. Wenige Generations-Stationen nur ist Kissin damit vom ersten Superstar des Klaviers entfernt; wie Liszt, so reist auch er durch Länder und Kontinente, hat Fans und Fanatiker („Einige von ihnen sind ganz klar geisteskrank“), kennt seine Säle, die Klavierstimmer, die Flügel, weiß, worauf es achtzugeben gilt. Nur kam Liszt als Erwachsener ohne seinen Lehrer Carl Czerny aus. Anna Kantor aber wohnt mit Kissins Familie zusammen, sie hört ihn zu Hause spielen, ungefähr alle vier Wochen treffen sich die beiden zum Interpretations-Gespräch. Ist sie eine strenge Lehrerin? „Natürlich, wenn es nötig ist.“

Auch in diesen Tagen ist Kantor bei ihm. Hat er mit ihr bestimmt, auf welchem der bereitstehenden Flügel er spielen wird, den Saal ausgehört und sich mit ihr in akustischen Fragen beraten, übt er am Morgen des Konzerts drei Stunden lang, spielt winzige Fragmente immer wieder, nimmt dann sein Mittagessen ein und ruht für zwei, drei Stunden. Kurz vor Konzertbeginn setzt Kissin sich nochmals für eine dreiviertel Stunde ans Klavier. Warum bevorzugt er Steinway-Instrumente? „Es gibt in allen möglichen Bereichen Dinge und Gegenstände, die definitiv die besten sind.“

Wenn er allerdings einmal Chopin in einem kleinen Saal spielen müsse, würde er gern einmal einen Vorkriegs-Bechstein ausprobieren. Und sicher spielt er auch vom Blatt. Die Liszt-Sonate vielleicht nicht. Aber eine von Mozart? „Ja, gut, die Noten.“ Kissin schnaubt vernehmlich. Für neue Stücke braucht er Wochen und Monate, ein Jahr benötigt er für ein ganzes Programm.

Morgen abend spielt Kissin in der Philharmonie Auszüge aus Prokofievs „Romeo und Julia“ und dessen achte Sonate, danach Stücke von Chopin. Welche ihm die liebsten sind? „Die letzte Mazurka op. 59, die Etüde op. 10, 3.“ Und Kissin fährt fort: „Auch Chopins Etüde op. 25, 11 und die erste Mazurka op. 30, 4.“ Spielt er je neue Musik? „Ich habe bislang nichts gefunden, das ich inspirierend fände.“ So wie Bücher, Menschen, Orte, „Dinge, die mein Herz schneller schlagen lassen.“

Nach dem Wiener Konzert letzte Woche sei er mit einer Freundin essen gegangen, das habe ihn inspiriert; trotz der starken Schlaftabletten, die er nach Konzerten einnehme, „weil das Adrenalin noch nachwirkt“, habe er danach lange wachgelegen. Freigiebig ist Kissin, auch in solchen Mitteilungen. Seine Website hält Fotos aus seiner Kleinkindzeit bereit; wenn er sagt, dass er das Berliner Publikum liebe, klingt es nach mehr als einer freundlichen Floskel.

Ost-Berlin war die erste Stadt außerhalb Russlands, die er besuchte, im Mai 1985, West-Berlin die erste Stadt im Westen, in der er 1987 gastierte. Für gewöhnlich hat er kaum Zeit, die Städte, in denen er sich aufhält, zu besichtigen. Ein Gutteil der kommenden Saison aber wird Kissin sich freinehmen. „Vielleicht besuche ich dann einmal das Pergamon-Museum. Vielleicht.“

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