KLASSIK-CD der Woche : Großer Gott und freier Geist

Auch in seinen geistlichen Werken spart Haydn nicht an Witz. Frauenkirchenkantor Matthias Grünert dirigiert die "Schöpfungsmesse".

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Foto: promo
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Ich bat die Gottheit nicht wie ein verworfener Sünder in Verzweiflung, sondern ruhig, langsam. Dabei erwog ich, dass ein unendlicher Gott sich gewiss seines endlichen Geschöpfs erbarmen werde. Diese Gedanken heiterten mich auf.“ Eine beneidenswerte Glaubensgewissheit spricht aus den geistlichen Werken Joseph Haydns. Beseelt tritt der Komponist seinem Schöpfer entgegen, von ehrlicher Ehrfurcht wird sein Gotteslob getragen, ohne je unterwürfig zu sein. Eine Feier des Höchsten mit Pauken und Trompeten, strahlenden Streichern und lieblichen Kantilenen.

Frauenkirchenkantor Matthias Grünert vermag diese Allegrostimmung in seiner Interpretation der „Schöpfungsmesse“ ideal einzufangen. Wenn das Reussische Kammerorchester animiert aufspielt, wenn sich ein schlankstimmiges Solistenquartett mit dem Kammerchor der Frauenkirche Dresden im Jubel vereint, dann ist nicht nur das Klangbild angenehm hell und klar, dann erscheint vor dem inneren Auge tatsächlich ein barockes Kirchenschiff, durchflutet von sommerlicher Morgensonne.

Doch Haydn wäre nicht Haydn, würde nicht auch in diesem katholisch korrekten Sakralwerk seine weltlich-witzige Seite aufblitzen, wenigstens ein paar Takte lang. Ins „Gloria“ schummelt er ein Selbstzitat ein, eine melodische Wendung, die in seinem Oratorium „Die Schöpfung“ zu den Worten „Der tauende Morgen, o, wie ermuntert er“ erklingt. Die Fürstin Esterhazy, Haydns Arbeitgeberin, soll pikiert gewesen sein – die Messe aber hatte ihren Spitznamen weg.

Als stilistisch passende Zugabe lässt Matthias Grünert die B-Dur-Sinfonie des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian spielen, der nur zwei Jahre jünger war als Haydn und mit seinem empfindsamen Stil europaweit erfolgreich. Ein atmosphärisch facettenreiches Andante wird von zwei schnellen Sätzen gerahmt, die hier so vital musizieren werden, dass unwillkürlich der Hörerfuß im Takt mitwippt.

Als Hingucker ist zwar die Frauenkirche auf dem CD-Cover zu sehen – die Aufnahme aber entstand auf dem Land, in der Klosterkirche Thalbügel. Das Dresdner Wahrzeichen ist gerade für kleine Besetzungen einfach zu überakustisch: Die extrem hohe Kuppel auf dem gedrungenen Grundriss eines griechischen Kreuzes führt – wie auch beim Berliner Dom – dazu, dass dort jede Nuance im himmlischen Hallen verwischt. Frederik Hanssen

Erschienen bei Rondeau Production.

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