• Klassik: Der Erl-König: Wie sich der Dirigent Gustav Kuhn ohne Staatsgeld ein Klassikimperium aufbauen konnte

Klassik : Der Erl-König: Wie sich der Dirigent Gustav Kuhn ohne Staatsgeld ein Klassikimperium aufbauen konnte

Nach und nach hat Gustav Kuhn in Tirol die zehn großen Wagner-Opern dirigiert und eröffnet nun sein zweites Festspielhaus in Erl.

von und Uwe Friedrich
Der Maestro als Macher. Gustav Kuhn wirkt nicht nur in Tirol, Trient und Salzburg, sondern auch in der Toskana.
Der Maestro als Macher. Gustav Kuhn wirkt nicht nur in Tirol, Trient und Salzburg, sondern auch in der Toskana.Foto: Friedrich

Es ist gar nicht einfach, aus einer modernen elektronischen Orgel einen Klang hervorzulocken, der einigermaßen als Harmonium durchgeht. Entsprechend lange experimentieren der Dirigent Gustav Kuhn, der Organist, die beiden Pianisten und einige beflissene Assistenten, bis sie zufrieden sind. Am Abend sollen Ausschnitte aus Gioacchino Rossinis „Petite Messe Solenelle“ in der Kirche des „Convento dell’Angelo“ erklingen. Während der nachmittäglichen Probe ist Kuhn, der künstlerische Leiter der „Accademia di Montegral“, aber durchaus noch nicht zufrieden mit der musikalischen Qualität, bricht immer wieder entnervt ab, lässt Phrasen wiederholen und verbirgt gar nicht erst seinen Unmut.

Schließlich versammeln sich bei dem kleinen Festival die Sponsoren der diversen Unternehmungen des umtriebigen Dirigenten – da muss die Qualität stimmen. Zu Kuhns Kulturkonglomerat gehören neben der „Accademia“ in den Bergen oberhalb der toskanischen Stadt Lucca noch die Tiroler Festspiele Erl – nicht zu verwechseln mit den Südtiroler Festspielen in Toblach, die er ebenfalls leitet –, außerdem das Haydn-Orchester Bozen und Trient, die kleine und feine Plattenfirma „col legno“, sowie eine Konzertreihe in seiner Heimatstadt Salzburg. Weil diese Projekte so passgenau auf ihn zugeschnitten sind und er sich an allen Orten mit treuen Mitarbeitern umgibt, war bereits von der musikalischen Sekte des Maestro Kuhn die Rede. Das hört er gar nicht gerne, und es trifft die Verhältnisse auch nicht. Viel eher könnte man von einer spätabsolutistischen Hofgesellschaft sprechen, in der Serenissimus seine Sonne auf die ihn umgebenden Künstler scheinen lässt. Jedenfalls solange sie nicht in Ungnade fallen.

Kuhn hat ein ganz eigenes Charisma, kann ebenso schlagfertig wie charmant sein, erfasst die Stärken und Schwächen seines Gegenübers auf den ersten Blick. Er wickelt jede Sponsorengattin um den Finger, kann auch dem sprödesten Pfeffersack Geld aus der Tasche bugsieren. So ist es ihm auch gelungen, in diesem Jahr ein neues, zweites Festspielhaus in Erl zu eröffnen, während die Bayreuther Festspielleiterinnen über Jahre hinweg weder die Finanzierung der dort dringend benötigten Probebühne noch die Sanierung des maroden Festspielhauses auf dem Grünen Hügel hinbekommen haben.

Nach und nach hat Gustav Kuhn in Tirol die zehn großen Wagner-Opern dirigiert und Erl mit seinen eigenen Inszenierungen zu einem Versammlungsort für all jene Wagnerianer gemacht, die von Regiekonzepten und modernen Inszenierungen überhaupt nichts halten. Im neuen Winterfestspielhaus soll das Repertoire nun zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag auch um italienische Belcanto- Opern und Mozart erweitert werden.

Alles begann mit einer Reihe von spektakulären Zerwürfnissen. Gustav Kuhn verkrachte sich mit seinem Lehrer Herbert von Karajan, ohrfeigte den damaligen Chef am Bonner Opernhaus und hatte überhaupt genug vom Kulturbetrieb, im dem kaum noch Kunst produziert wurde. Jedenfalls nicht so, wie er sich das wünschte. Also suchte er Gleichgesinnte, um den Beweis anzutreten, dass es auch anders geht. Seine Mittel sind dabei mitunter durchaus unkonventionell. Für die einzige Aufführung von „Tristan und Isolde“ in Erl in diesem Jahr weist die Website der Festspiele jeweils drei verschiedene Sänger für alle wichtigen Rollen aus. Bis kurz vor der Vorstellung kann keiner der Nominierten sicher sein, wer am Abend singen darf. So erhöht der Dirigent den psychischen Druck auf seine jungen Sängerinnen und Sänger und sorgt für eine Stimmung, wie sie einst in den Vorzimmern der Macht geherrscht haben mag. Gute Kritiken und der Publikumsandrang scheinen dieses Verfahren zu bestätigen. Doch vor allem wird hier deutlich, welche Demütigungen Nachwuchssolisten auf sich nehmen, wenn sie unbedingt auf die Bühne wollen.

In der „Accademia“ oberhalb von Lucca geht es konzentriert und spartanisch zu. Die Künstler übernachten in den früheren Mönchszellen, ein Gemeinschaftsbad gibt es auf dem Gang, gegessen wird gemeinsam am hufeisenförmigen Tisch. Hier thront der genießerische König und verwaltet sein Reich. Gelegentlich zieht er sich mit auserwählten Paladinen zu Besprechungen zurück. Dann machen sie Pläne, wie die vielen Unternehmungen vom kleinen Kammermusikfestival über die nunmehr ganzjährig arbeitenden Kostümwerkstätten bis zum international wahrgenommenen Opernfestival geleitet werden sollen. Und das ohne dass sich die Strukturen zu sehr in Richtung Stadttheaterbetrieb verfestigen, den Kuhn doch einst so vehement bekämpfte.

Rossinis „Petite Messe Solenelle“ erweist sich übrigens auch im Konzert als problematisches Werk. Das fein austarierte Liszt-Spiel des Pianisten Alfonso Alberti im Nachtkonzert ist hingegen ein Ausnahmeereignis, das jedem Festival zur Ehre gereicht hätte. Ob das kleine Frühjahrsfestival weiterhin ins gewachsene Portfolio Gustav Kuhns passt, bleibt dennoch fraglich. Die Umbaumaßnahmen in seinem Reich haben gerade erst begonnen. Uwe Friedrich

Die Tiroler Festspiele Erl laufen bis zum 29. Juli. Infos: www.tiroler-festspiele.at

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben