Kultur : Klassik, nonstop

In Berlin, der Welthauptstadt der Klassik mit – ja, wirklich! – bis zu 700 Konzert- und Opernaufführungen pro Monat, kann man mittlerweile zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Live-Musik erleben. Das Deutsche Symphonie-Orchester und die Berliner Philharmoniker laden wöchentlich zu Lunch-Konzerten ein, Erstere im Institut français am Kudamm, Letztere im Foyer ihres eigenen Hauses. Lothar Zagrosek hat für das Konzerthaus die Mozart-Matineen mit Kaffee und Croissant erfunden, die Konzertdirektion Schoneberg veranstaltete ihre After- Work-Kurzkonzertreihe um 18 Uhr 30 jetzt ebenfalls am Gendarmenmarkt. Simon Rattle und die Seinen starten Ende Oktober eine Testreihe mit Late-Night- Concerts ab 22 Uhr 30, das aufrechte Häuflein der Berliner Symphoniker wiederum pflegt unerschütterlich das traditionelle Sonntagsnachmittags-Format. Und im Konzerthaus ging jetzt das erste Espresso-Konzert über die Bühne.

Im vollen Wortsinn: Eigentlich hatte die Intendanz für diesen neuen 14-Uhr-Termin mit maximal 80 Besuchern gerechnet. Doch dann verkauften sich trotz der finanzbedingt bescheidenen Werbemaßnahmen ruck, zuck! über 200 Tickets, so dass man von einer der Nebenspielstätten des Hauses auf den großen Saal ausweichen musste.

Vorn am Bühnenrand stehen sieben Stühle für die Mitglieder des Horenstein-Ensembles, den Rest des Podiums darf sich das Publikum erobern, um von dort den ungewohntem Blick aus der Orchesterperspektive in den Saal zu werfen. Die Musiker haben Spaß an der Sache, moderieren sich selber – und halten mit ihrem exquisit zusammengestellten Programm aus Mozart, Mahler, Elgar und – als Rarität – Herbert Howells „Rhapsodie Quintet“ von 1919 exakt die vorgegebenen 45 Minuten Spieldauer ein.

Denn die Espresso-Konzerte, die jetzt an jedem letzten Mittwoch im Monat stattfinden sollen, sind auch als Mittagspausen-Alternative für die Anwälte, Manager und Diplomaten aus den noblen Büros rund um den Gendarmenmarkt gedacht. Erst ein starker Schwarzer im Foyer, dann geistige Nahrung im Saal. Die ausschließlich profitorientiert arbeitenden Wirtschafts- und Politikmacher mal auf andere Gedanken zu bringen, ist eine schöne Idee, ja fast schon subversiv.

Der Blick durch die Zuschauerreihen bestätigt dann allerdings eher die These des aktuellen Kultur-Barometers: Die neuen, ungewöhnlichen Konzertformen werden nur zum geringsten Teil tatsächlich von jenen Zielgruppen besucht, die die Macher damit anlocken wollen. Meistens kommen jene, die schon für die Klassik gewonnen sind. Die Stammgäste, die Unersättlichen, die auch zum üblichen 20-Uhr-Termin die Säle füllen. Vielleicht sollten es die Orchester mal mit einem Konzert-App versuchen.

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