Klassik : Stalins Tod

Musikfest, Philharmonie: Das Amsterdamer Concertgebouw Orkest, letztes Jahr zum besten Orchester der Welt gewählt, spielte in der Berliner Philharmonie.

Jörg Königsdorf

Im vergangenen Jahr wurde das Concertgebouw Orkest zum „besten Orchester der Welt“ gewählt und der Auftritt der Amsterdamer in der Philharmonie erfüllt vor allem den Kernauftrag der Festspiele, die glänzendsten Namen der Klassikszene in die Philharmonie zu bringen. Und zu bewundern gibt es wirklich eine Menge: den Streichersound aus Samt und Seele, die Holzbläser mit ihrer vollmundigen, perfekt gerundeten Klanggebung, das Blech, das selbst im Fortissimo nie stechend wird. Doch hat der, der sich am schönsten ausdrücken kann, auch am meisten zu sagen? Zu Haydns „Militär“- Sinfonie jedenfalls nicht: Chefdirigent Mariss Jansons hört in dem Klassiker den Konversationsgeist der Aufklärung und stilisiert jeden Einsatz zur geistreichen Idee. Doch unter dieser Last verliert die Musik ihren Puls und die Balance zwischen Detail und großem Bogen – wenn im Finale Triangel, Pauke und Schellenbaum vor dem Podium vorbeimarschieren, ist das nur der Schlusspunkt einer Parade origineller Einfälle ohne inneren Zusammenhalt.

Bei Schostakowitschs zehnter Sinfonie sieht das zunächst anders aus: Erstens besteht in dem großräumig disponierten Werk nicht die Gefahr, dass sich zu viele Ideen auf zu wenig Platz drängeln könnten, und zweitens ist diese Musik Jansons Herzensanliegen seit seiner Leningrader Studienzeit Ende der sechziger Jahre. Das Stück gilt als Schlussstrich Schostakowitschs unter die Ära Stalin – Düsternis und Einsamkeit des Kopfsatzes, der verzückte Finaljubel legen das ebenso nahe wie das Datum der Uraufführung im Dezember 1953, wenige Monate nach dem Tod des Diktators. Doch im Amsterdamer Luxussound schrumpft das existenzielle Leid zum melancholischen Sentiment. Da gibt es im ersten Satz eine Stelle, bei der über dem dürren Pizzikato der Streicher sich die beiden Klarinetten umklammern, als seien sie die einzigen, die nach den furchtbaren Jahren noch übrig geblieben seien. In der Philharmonie klingt diese Stelle wunderschön. Angst und Verzweiflung aber klingen anders: härter und, ja, auch hässlicher. Vielleicht ist es gar nicht so gut, das beste Orchester der Welt zu sein. Jörg Königsdorf

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