Kultur : Klassizismus und Natur

CHRISTIAN HUTHER

Als "Hochplateau ohne Gipfel" wird die schwedische Architektur gerne von ausländischen Kennern bezeichnet.Doch sie ist keineswegs trist oder nur von Holz und Grün geprägt.Vielmehr zeugt sie von Souveränität, Experimentierfreude und subtilem Anpassunswillen.Dabei war Schweden noch um 1900 ein vorwiegend armes Land mit fünf Millionen Bewohnern.Erst in den dreißiger Jahren war die Zahl der Stadtbewohner größer als die Landbevölkerung.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main präsentiert erstmals umfassend die Baukunst Schwedens im 20.Jahrhundert.Das Museum setzt damit seine große Reihe fort, die vor knapp drei Jahren mit Österreich begann und von Irland und Portugal gefolgt wurde.Rund rund 120 Bauten, zwischen 1892 und 1998 entstanden, werden mit Zeichnungen, Fotos und Modellen ausführlich dokumentiert.

Auch in Schweden spiegelt die Architektur Zustand, Selbstbewußtsein und Sehnsüchte der Gesellschaft.So zeigen die Bauten nach der Jahrhundertwende vor allem aus Deutschland kommende Einflüsse, von der Darmstädter Mathildenhöhe bei Ragnar Östbergs Villa Ekarne (1905) über Anklänge an Heinrich Tessenow bei Erik Josephsons Kraftwerk (1906-10) bis zum heute noch gepflegten Neoklassizismus.Die Gegenbewegung war eine gewisse "Nationalromantik", ablesbar in Lars Israel Wahlmanns Stockholmer Engelbrekt-Kirche (1905-14).Wurden Kirchen in Stockholm bis dahin meist im barocken oder gotischen Stil gebaut, so schuf Wahlman eine freie Komposition aus rotem Backstein.

Mehrfach unterbrochen wird die chronologisch gehaltene Schau von Blicken auf berühmte Architekten oder wegweisende Geschehnisse.Hierzu gehört die Stockholmer Ausstellung für modernes Wohnen von 1930, die den Durchbruch des Funktionalismus in Schweden brachte.Anschaulichstes Beispiel ist Gunnar Asplunds nicht mehr existierendes, schlichtes Restaurant "Paradiset", das mit viel Glas und Stahl eine enorme Leichtigkeit ausstrahlte.Asplund, Vermittler zwischen Tradition und Moderne, wird auch mit seinem Kollegen Sigurd Lewerentz gewürdigt für ihre vorwiegend religiösen Zwecken dienenden Bauten.Als wichtigste Strömung indes herrschte in Schweden bis in die sechziger Jahre ein gemäßigter Klassizismus vor.Doch schon damals prägten riesige staatliche Wohnungsbauten das Bild vieler Städte, künstlerische Ideen traten lange zurück.

Allerdings bekommt der Besucher all dies nicht im Zusammenhang erklärt.Einführende Texttafeln zu Zeitströmungen, Schwerpunkten oder wichtigen Persönlichkeiten existieren nicht.Dafür gibt es Texte zu den einzelnen Projekten, aus denen man die Zusammenhänge mühsam herausfiltern muß.Einen Überblick über das Thema erhält der unkundige Betrachter also nur bei entsprechend großer Ausdauer.Immerhin sind die Texte angenehm kurz und prägnant gehalten, aber in einer derartig niedrigen, kreislaufstörenden Höhe angebracht, daß man notgedrungen zum Lesen in die Hocke gehen muß.

Am wenigsten entbehrt man die Texte natürlich in der Gegenwart, ist doch die heutige Architektursprache in Schweden so international wie allerorten, oft gepflegt von einem besonderen Naturverständnis, wie Gerd Wingardhs in einen Hügel gebautes Clubhaus (1988) zeigt.Ebenfalls teilweise in einen Felsen integriert wurde das Stockholmer Museum für Moderne Kunst, zusammengefaßt mit dem Architekturmuseum (1990-98).Der Spanier Rafel Moneo paßte damit den kompakten Bau mit dem pyramidenförmigem Dach gut in das Gelände und die ältere Umgebung ein.Mit dem schlichten weißen Verwaltungsbau des Architekturmuseums schließlich erwies Moneo dem schwedischen Funktionalismus seine Reverenz.

Frankfurt (Main), Deutsches Architekturmuseum, bis 28.Juni, Katalog bei Prestel, 58 Mark, im Buchhandel gebunden 148 Mark.

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