Kultur : Klaus Schlesinger: Berliner Träume

Jörg Plath

Erich Honecker war wohl unterrichtet. "Viel Glück!", rief er ihnen hinterher, als sich die Fahrstuhltür schloss und der Generalsekretär einige Stockwerke höher zu seiner Tochter fuhr. Glück konnten Klaus Schlesinger und Bettina Wegner wohl brauchen. Ihre Ausreiseanträge aus der DDR waren endlich bewilligt worden, ein gutes halbes Jahr, nachdem getreue Parteisoldaten Schlesinger und acht seiner Kollegen (darunter Adolf Endler und Kurt Bartsch) wegen ihrer Unterschriften unter einen kritischen Brief aus dem Schriftstellerverband geworfen hatten.

Doch der fromme Wunsch des leutseligen Generalsekretärs ging nicht in Erfüllung. Bettina Wegner blieb vorerst im "Ländchen" und ließ sich 1982 von ihrem Mann scheiden, der mit einem der drei Kinder in den Westen gereist war. Die "Wahl zwischen Pest und Cholera", zwischen Bundesrepublik und DDR, hatte ihr erstes Opfer gefordert.

Klaus Schlesinger war kein leicht-ironischer Mauerspringer. Nur eine Erzählung legte er in seinem West-Berliner Jahrzehnt vor: In "Matulla und Busch" (1984) geraten zwei ältere Herren vom Land in die Hausbesetzerszene West-Berlins - ganz ähnlich wie der schlaksige, stets freundlich, auch wachsam blickende Autor, der zeitweise in einem besetzten Haus in der Potsdamer Straße wohnte und von Lesungen, Hörspielen, Bearbeitungen für den Rundfunk lebte. Christa Wolf hatte es, berichtet Schlesinger in seinem Lebensbericht "Fliegender Wechsel" (1990), befürchtet und ihm 1980 von der Ausreise abgeraten: Er würde sich im Westen verzetteln.

Maxie Wanders "Guten Morgen, du Schöne" ist das wohl bekannteste Buch der Neuen Subjektivität, der Klaus Schlesinger zugerechnet wird. Nach verschiedenen chemischen Berufen begann er 1963 als Journalist zu schreiben und ließ sich zwei Jahre lang für ein geplantes sozialistisches Nachrichtenmagazin ausbilden. So nah stand Schlesinger seinem Staat nie wieder. Als die SED 1965 die kulturpolitischen Zügel anzog und das Magazin in der Schublade verschwand, kündigte man dem jungen Reporter fristlos.

Dem Journalismus verdankt Schlesinger, der weiter schrieb, einen genauen Blick auf den Alltag. Sein Debüt "Michael" (1971) ist eine Spurensuche nach der kleinen Figur des Vaters zur Nazizeit. Die folgenden Bücher "Ikarus" (1975), "Alte Filme" (1976) und "Berliner Traum" (1977) erzählen auf unaufwändige Weise von Bürgern, die eines Tages zwischen Küche und Kollektiv "aus der Gewöhnung herausfallen" (Dieter Schlenstedt). Ihre kleinen Fluchten führen sie zunächst auf die Straße, dann an die nächste Theke und ins Gespräch.

Die zahlreichen Doppelgänger und Spiegelbilder in Schlesingers Büchern lassen an die Romantik denken. Die Atmosphäre aber ist unverkennbar Ost-Berlin: die im Hals kratzende Braunkohleluft, der bröckelnde Putz, die Mauer und eine ziemliche Geruhsamkeit. Hoffnung bietet immer schon die nächste Straßenecke - was auch heißt, dass in der Enge der DDR Platz sein soll für ein erfülltes Leben.

Solch sanft und beharrlich ausscherender Realismus zeichnete auch den Autor aus, der nicht nur gegen die Biermann-Ausbürgerung protestierte. Kein Wunder, dass Schlesinger immer wieder Schwierigkeiten mit den Publikationsbehörden hatte. Die Erzählung "Leben im Winter" (1980) konnte gar erst 1989, mit neunjähriger Verspätung, in der DDR erscheinen: Schlesinger schildert darin einen Geburtstag in der DDR mit Gästen aus beiden deutschen Staaten.

Nach der Wende erzählte Schlesinger seinen Landsleuten eindringlich "Von den Schwierigkeiten, ein Westler zu werden" (1998). Das Doppelgängermotiv wurde ihm zur Metapher der Teilung: In dem Roman "Trug" (2000) meint der Westler Strehlow, im Caféfenster sein Spiegelbild zu erblicken. Dann bewegt es sich und entpuppt sich als sein Ostdoppelgänger Skolud. Nun haben Ost und West ihren literarischen Chronisten verloren. Klaus Schlesinger ist am Freitag, erst 64-jährig, nach schwerer Krankheit in Berlin gestorben.

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