Kultur : Kleine Ausreißer

Neun Nebenmessen wollen sich als Konkurrenz positionieren. Das geht nicht immer gut

Max Glauner

Zwei Mäuse, niedlich und ausgestopft, tummeln sich an einem der zahllosen Treppenaufgänge im Warteck-Brauereigebäude. In der sparsam-schönen Installation aus Armbändern von Susanne Winterling für die Berliner Galerie Lüttgenmeijer wirken sie wie die Wächter eines Schatzes. Und man braucht, ob Galerist oder Publikum, schon die Ausdauer und Geduld dieser findigen Nager, wenn man hier auf der 15. Liste, dem nach wie vor wichtigsten Satelliten der Art Basel, in Sachen Gegenwartskunst unterwegs ist.

Es gärt, alles geht, jedes Medium – wenn es Qualität hat. Doch was das eigentlich ist, bleibt strittig. Von Krise nichts zu hören. Die hat man mit Blessuren und kleinen Ausfällen überstanden. Der Galerist Markus Lüttgen ist zufrieden. Er hat bereits verkauft: ein Ölgemälde von Matt Connors (6000 Euro). Seine Galerie ist zum ersten Mal hier – one of the happy few. Denn die Liste wird nach strengen Regeln geführt. Über 1000 Galerien – so viele wie zur Art Basel nebenan – hatten sich beworben. 64 bekamen in diesem Jahr eine Zusage. Dabei dürfen die gezeigten Künstler nicht älter als 40, die Galerien nicht älter als fünf Jahre sein. Auffällig: Elf Galerien kommen aus Deutschland, eine davon aus Hamburg, alle anderen aus Berlin. Der Veranstalter Peter Bläuer sieht hier eine deutliche Internationalisierung: Die Berliner Galerien vertreten zunehmend ausländische Künstler und werden oft von jungen internationalen Galeristen geführt. Wie Sommer & Kohl: Sie wird von einer Schweizerin mitgeleitet und zeigt neben einem Berliner mit britischem Pass einen jungen Künstler aus St. Gallen mit originellen, wilden Übermalungen und Zeichnungen (300–3500 Euro). Dass dieser Beni Bischof eine Nominierung für den parallel vergebenen schweizerischen Kunstpreis bekam, erwies sich als verkaufsfördernd. Und so zeigt man sich auch hier nach drei Messetagen zufrieden aufgekratzt.

Da sind die Kolleginnen und Kollegen auf den anderen Messe-Satelliten noch sichtlich angespannt. Während die Liste traditionell montags eröffnet, folgen die neun anderen Nebenmessen erst ein, zwei Tage später. Dann hat aber haben viele Sammler schon wieder die Koffer gepackt. Um potente Kunden muss nun erst recht gebuhlt werden: Dabei tun sich die beiden wichtigsten Mitbewerber zur Liste in diesem Jahr besonders schwer.

Die sechste Ausgabe der Volta hat sich allein mit ihrem neuen Standort in einem Industrieareal ins Off gestellt. Hier sind Berliner Galerien mittlerweile seltener anzutreffen. Zwar zeigt Magnus Müller Diptychen von Ellen Harvey (je 4 000 Euro) und überzeugen Jarmuschek + Partner mit einfühlsamen Fotoporträts von Carina Linge (7-teilig, 7500 Euro). Ebenso beeindrucken jedoch wenig bekannte Anbieter und Positionen wie die Galerie Magrorocca aus Mailand mit Ölporträts von Francesco Merletti (ca. 6000 Euro), die sich mit der New Yorker Y Gallery einen Stand teilt (Mixed Media auf Papier von Brad Kahlhamer, ca. 1500 Euro). Hier lassen sich Entdeckungen machen, und die Preise liegen meist im drei- bis unteren fünfstelligen Bereich. Man findet Gouachen und Ölmalereien bei den Galerien Pablo & Lost Projects aus Manila (2000–15 000 Euro) oder bei FRED aus London zeitgenössische Porträts als handwerklich lupenreine Miniaturen von Martin Brown (3000–4000 Euro).

Durchgängig hohe Qualität herrscht bei der jungen Messe The Solo Project in der St.-Jacobshalle. Unter den 22 Ausstellern sieht man neue Enkaustik-Arbeiten von Martin Assig (4000–24 000 Euro) bei Van de Weghe oder Farbfeldmalereien von Jon Thompsen bei Kusseneers (ca. 25 000 Euro). Beide kommen aus Antwerpen. Krisenangst und Flucht in sichere Werte wie das Handwerkliche schlägt dann bei der dritten Auflage der Messe SCOPE ins Biedere um: Zwar wollte man mit einem Zelt einen Hauch Londoner Frieze-Atmosphäre an den Rhein zaubern. Doch nur wenige Teilnehmer wie die Düsseldorfer Galerie Beck und Eggeling überzeugen. Und der gemeinsame Auftritt von zehn Berliner Galerien unter dem Label „ART from Berlin“ hinterlässt Bauchschmerzen: Nur mit großem Wohlwollen erkennt man hier einen repräsentativen Schnitt des hauptstädtischen Marktes. Und die wenigen starken Positionen gehen auf dieser Messe im Mittelmaß unter. Gute Kunst aus Berlin sieht man in Basel andernorts.

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