Kultur : Kleine Sensation am Lietzensee

Ad Reinhardt in der Galerie Aurel Scheibler

Ulrich Clewing

Nicht etwa in Berlin-Mitte, sondern am Lietzensee in Charlottenburg findet derzeit eine ganz besondere Ausstellung statt. Dabei umfasst sie lediglich sechs mittelgroße Gemälde. Zum ersten Mal überhaupt in einer deutschen Galerie zeigt Aurel Scheibler Arbeiten des amerikanischen Malers Ad Reinhardt. Der wohl einflussreichste, sicher aber eloquenteste Vertreter der New York School ist eigentlich ein Fall für die Museen, und dass Werke von ihm auf den Markt kommen, ist eine Seltenheit. Doch wie es der Zufall und gute Kontakte wollen, stieß Scheibler auf eine englische Privatsammlung, bei der gerade drei Reinhardts für abkömmlich befunden wurden. Auf Umwegen kamen noch drei weitere hinzu, und so hängen in der Galerie am Witzlebenplatz vorübergehend mehr Abstrakte Expressionisten als in der Neuen Nationalgalerie.

Freilich stammt das halbe Dutzend Leinwände aus den Jahren 1943 bis 1950. Kenner wissen: Das ist zu früh für den reifen Reinhardt, dessen sogenannte Schwarze Bilder auf einer Stufe stehen mit den besten Arbeiten seiner Mitstreiter Mark Rothko, Barnett Newman und Jackson Pollock. Bemerkenswert ist diese Schau trotzdem, denn anders als viele seiner New Yorker Kollegen war Reinhardt auch in der Phase vor seiner bekanntesten künstlerischen Ausdrucksform keineswegs ein Suchender (und wie Pollock oder Rothko auf hohem Niveau Scheiternder), der sich seine Entwicklung unter Schmerzen und Irrtümern abrang. Er, der Zen-Buddhist, für den abstrakte Kunst gleichbedeutend war mit „freier“ Kunst, formulierte 1967 anlässlich eines Seminars zum Thema „Schwarz als Konzept und Symbol“ folgende Frage: „Wie kann ein Gegenstand beschrieben werden, der kein Aussehen hat außer sich selbst?“

Im Prinzip gilt dieser grundlegende Zweifel, auch schon für jene Gemälde, die rund zwanzig Jahre davor entstanden sind. Die Malerei, für die sich Reinhardt interessierte, sollte „rein, cool, leer und ruhig“ sein, schreibt der Künstler 1953. Vor allem aber sollte sie: nichts darstellen und nur durch die eigene Präsenz wirken. Ein Credo, dem die ausgestellten Arbeiten wie „Green Violet Center“ (1943, 325 000 Dollar), „Yellow Painting“ (1948, 385 000 Dollar) oder das auf zweierlei Blautöne aufgebaute Bild „Ohne Titel“ (1950, 385 000 Dollar) auf sublime Weise entsprechen.

Galerie Aurel Scheibler, Witzlebenplatz 4, bis 8. September; Dienstag bis Freitag 10 – 13 und 15 – 18 Uhr, Sonnabend 12 – 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben