Kultur : Klingklangklong singen die Dukatenesel

FRIEDEMANN KRUSCHE

"Erst der Mensch ohne Arbeit wird wirklich Mensch, Mensch pur sozusagen." Der Mensch, der das sagt, heißt Wolf.Wolf in Gestalt des Schauspielers Ahmad Mesgarha macht seinem Namen Ehre.Eine blendende Erscheinung.Eine elegante schwarze Katze.Doch irgendwie ist Mensch pur auch poor.Arm dran sozusagen.Wie er da der properen Nachbarin Paula brüllend unters moosgrüne Kleidchen robbt.Oder, die schlabbernde Hose knapp überm Knie, ins rotes Inlett geknüllt hoch oben auf einer ins Nichts führenden Metallstiege hockt.Blicklos.Fühllos.Aussichtslos.

Bloß gut, daß justament in diesem Augen-Blick seine nett anzuschauende Gattin Janna (Christine Hoppe) wohlgemut über die Treppe schrammt.Hat sie doch endlich den ersehnten neuen Job.Wenn Wölfchen ihr entgegeneilt, wird er die ausgebreiteten Arme leider verfehlen.Dafür streift sein Fuß die polternd ihren Inhalt ergießende Tasche.Absichtsvoll? Versehentlich? Wer will das wissen.Wo doch alles so voller Rätsel ist.

Ein bißchen zuviel Kraft halt und zu wenig Hirn.Weshalb der Wolf auch so gern ins Café "Südstern" tigert.Auf der Hinterbühne des Dresdner Schauspielhauses sind es zwischen dem locker im Kreis verteilten Publikum zum Glück nur ein paar torkelnde Schritte bis zu den zeittotschlagenden Glücksrittern ringsum, deren Geschwätz selten bloß vom dröhnenden Klingklangklong der allüberall herumstehenden, herumhängenden Spielautomaten zu unterscheiden ist.

Manchmal allerdings geht es im "Südstern" gar nicht blöde zu, manchmal ist es dort wie im richtigen Märchen zauberhaft lustig.Dann nämlich wenn die Automaten, ein paar kräftige Hiebe vom Knüppel aus dem Sack vorausgesetzt, plötzlich anfangen wie Dukatenesel zu regnen.Eine praktische Einnahmequelle in Zeiten, wo die Erwerbslosenquote offenbar die Hundertprozentmarke rasiert - und ausreichend allemal fürs nächste Tischlein-deck-dich.

Wolf also hätte gute Gründe, guten Muts zu sein: "Vor niemandem buckeln! Keine Speichellecker unter sich!" Nur halt einen Nebenbuhler über sich.Das ist, erreichbar über eine zweite himmelwärts ragende Treppe und dort verborgen hinter eben jener ominösen grünen Tür, der arme Poet Berthold, bei Philipp Otto ein smarter Junge und wie der leibhaftige (und gar nicht so arme) Poet Bertolt B.dem schönen Geschlecht herzlich zugetan.Weshalb wir ihn bald schon mit Janna auf Wolke sieben, will sagen: auf der grünen Tür schweben sehen.Bis der böse Bertibub verkündet, kein Othello sein zu wollen.Kein Bock auf irgendwelche Händel mit Wölfchen.Kein Schneid, Jannas Bälger durchzufüttern.Womit das grüne Luftschiff auch schon auf dem Boden der Tatsachen an- und Janna in der Folge allerhand Abwegiges in den Sinn kommt.

Wie einstens Medea will sie ihre Kinder morden.Anders aber als die, Euripides sei Dank, zum Mythos zeitlos tragischen Ruhms aufgegipfelte Rächerin, verfehlt sie ihr hehres Ziel beträchtlich.Die Bluttat vollzieht, bei Reinshagen ein symbolisches Ritual, eine andere.Diese andere heißt im Stück Kassandra-Änne.Stefanie Kampe gibt sie geisterhaft fiebernd als graustruppig staksendes Bündel.Ein stürzendes, an Zeit und Raum sich wundstoßendes Wesen, das alles weiß, sieht, hört, fühlt und am Ende, wenn die Tragödie ganz verloren, weil von zu wahrer Tragik nicht mehr fähigen Menschen verspielt worden ist, mit gespenstischer Geste das Fallbeil schwingt: "...daß Licht kommt.Daß nichts an Licht kommt! Ich sehe klar!"

Kassandra, die heillos hellsehende Rächerin, entschwebt.Medea aber wird bleiben.Sich arrangieren mit dem naheliegend Nächstbesten.Mit einem dem Leben unterm Südstern bereits bedenklich ergebenen Doktor, vom graubärtig-bedächtigen Siegfried Worch zuvor als eine Mischung aus Sigmund Freud und Hans Meiser eingeführt.Wenn Worch am Ende Janna vor der von Änne rasch noch als "Notausgang" markierten Tür abfangen wird, dann allerdings sieht dieser bizarre Freud-Meister-Meiser-Verschnitt auf einmal aus wie einer dieser unsäglichen Hausväter von Henrik Ibsen.Einer dieser Borkmann-Stockmann-Tesmans also.Einer, der sein schönes buntes wirres Vögelein im sanften Tanzschritt hineinzwingt in das Bauer, das Leben heißt und doch nichts als das Chaos alltäglicher Verlogenheiten ist.Am Ende also steht das Arrangement, steht der Plebs unterm Dukatenesel, steht das Vorliebnehmen vor der Liebe, das Ritual anstelle von Katharsis, steht die Tragödie ohne Notausgang.

Das ist es, was uns die 72 Jahre alte in Berlin lebende Autorin Gerlind Reinshagen noch einmal mit Nachdruck erzählen will.Sie bietet dazu eine Menge auf.Eine kunsthaft zwischen Geschwätz, zielbewußt ins Lyrische, auch Rhapsodische greifende Sprache.Sinistre Alltagsgestalten, die sich an antiken Vorbildern messen und zwangsläufig scheitern müssen.Vor allem aber einen Chor, der nicht länger bloßer Kommentator, sondern Moderator der sich aus Vermutungen, Verdächtigungen, Verunglimpfungen zusammenklumpenden kommenden Katastrophen ist."Dieser andere, neue Chor", schreibt Gerlind Reinshagen, "wird das Chaos der Ordnung repräsentieren." "Im chorischen Sprechen" offenbare sich, "wie unsere Umgangssprache ihren Aggegratzustand verändert, als würden uralte Erinnerungen an unsere phylogenetische Sprachentwicklung plötzlich wieder wach."

In Dresden hat die Regisseurin Irmgard Lange diesen Erweckungsprozeß hellhörig begleitet.Die in Volker Walthers konstruktivistischem Bühnenraum als artifizielles Klangbild choreographierte Inszenierung erspart jedweden Anflug sowohl an fades Milieu wie fahlen Realismus und kommt dem Stück damit vermutlich ziemlich nah.Viel Beifall dafür.Für ein ausgeglichen besetztes Ensemble und eine glücklich lächelnde Autorin in seiner Mitte.

Wieder am 18.Februar, und vom 6.bis 8.März.

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