Klüssendorf-Roman "Das Mädchen" : Eine Löwin kämpft

Angelika Klüssendorf erzählt von einer schmerzhaften DDR-Kindheit

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So viel DDR wie in diesem Leseherbst war lange nicht mehr. Während die Arbeiter- und Bauern-Republik bei Eugen Ruge mit den Pauken und Trompeten der Familiensaga untergeht, wirkt sie in Angelika Klüssendorfs ebenfalls zum Deutschen Buchpreis shortlistnominiertem Roman „Das Mädchen“ noch erstaunlich gegenwärtig: als sozial verwahrloster Sozialstaat. Hier haben wir eine Mutter, die kämpft: gegen die eigenen Kinder. Eine Frau mit Humor: Wenn sie ihrem kleinen Sohn eine Peperoni zu essen gibt und mit herzhaftem Lachen beobachtet, wie er sich in Schmerz und Schrecken windet. Diese Mutter hat mehr zu bieten als bloße Rabenliebe: „Die Mutter ist ein Zitterwels, der, wenn man ihn berührt, elektrische Schläge austeilt.“

Der erste Satz dieses heftigen, bewegenden Buches klingt beinahe schon klassisch in seiner leicht an Günter Grass erinnernden Rhythmisierung: „Scheiße fliegt durch die Luft, streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“ Das namenlose Mädchen und ihr jüngerer Bruder Alex wurden in der zugesperrten Wohnung zurückgelassen, seit Tagen vergnügt sich die Mutter anderswo, das Klo liegt auf halber Treppe. Die Kinder spielen „Angriff der Stinktiere“.

Zur Zitterwels-Mutter kommt der nur sporadisch auftauchende Kuckucksvater, ein Mann mit allerhand Talenten: „Er kann zeichnen, schreiben, er schafft dreißig Bierflaschen an einem Abend.“ Suff und Sadismus sind die Leitlinien der Kindheit in diesem Roman. Die Spiele des Mädchens und ihres Bruders haben die Destruktivität aufgenommen – wenn sie etwa versuchen, Autofahrer zu ärgern, indem sie haarscharf vor ihnen über die Straße rennen, was nicht immer gut geht.

Später kommt noch ein Bruder hinzu. „Kaum beginnt Elvis zu brüllen, hat die Mutter in der Regel dringende Dinge zu erledigen und verlässt die Wohnung.“ So kümmert sich das Mädchen um Elvis-Baby – seltene Momente des Glücks. Später wird sie in ein Heim eingewiesen, das sich der „Umerziehung fehlentwickelter junger Menschen“ widmet, sie bricht aus, klaut wie eine Elster und lernt Arrestzellen kennen. Angst kennt sie nicht, Autoritäten muss sie provozieren, bis es wehtut. Selbst vor dem Löwen im Zoo hat sie null Respekt: „Sie spürt eine ungestüme Lust, das Tier herauszufordern, und fährt mit dem Stock über die Gitterstäbe...“

Der Löwe wendet sich gelangweilt ab, der Leser nicht. Im Heim rebelliert sie gegen das Regime der Einschüchterung, mit dem der fette August Kreische von anderen Kindern Nachtisch-Tribut fordert. Gerade in dieser Widerstandskraft, die etwas von der Courage Grimmelshausens hat, besteht die Faszination – die in der zweiten Hälfte allerdings nachlässt, wenn eher profane Pubertätsnöte folgen.

Das dunkelste Motiv dieses Buches ist die Transformation der erlittenen Gewalt in den Hang zur Selbstbeschädigung. Vom Vater ins Zimmer gesperrt, klettert das Mädchen aus dem Fenster und springt fünf Meter in die Tiefe. Ein weiterer Krankenhausaufenthalt folgt, als sie einmal Bauchschmerzen simuliert – der Arzt vermutet Blinddarmentzündung und zögert nicht, zu operieren. Das Mädchen lässt sich lieber aufschneiden als die Lüge zuzugeben. In einer beklemmenden Szene lässt sie sich den Arm brechen, um dem trostlosen Alltag zu entrinnen. Die eigene Unversehrtheit ist kein hoher Wert für sie.

Die realsozialistische Wirklichkeit fertigt die 1958 geborene Angelika Klüssendorf mit ein paar Nebensätzen ab. In Amtsräumen hängen fleckige Honecker-Bilder; aus dem Aufbau-Pathos wird mit gezielten Stichen die Luft herausgelassen. Vor allem aber soll der bis heute wirksame Mythos der Ostalgiker getroffen werden: die vermeintliche soziale Wärme und Geborgenheit. Als das Mädchen einmal fünfzig Pfennig aus ihrer Jackentasche stiehlt, inszeniert die Mutter – eine Mitropa-Kellnerin mit vielen „Kontakten“ zu West-Männern – einen Schauprozess. Schließlich erzwingt sie das Geständnis, allerdings vom kleinen Bruder, den sie nachts, als Gespenst verkleidet, zu Tode erschreckt und mit Nadeln piekst, bis er alles „zugibt“.

Es durchkreuzt die Identifikation mit dem „unschuldigen“ Opfer, dass das Mädchen nicht nur in diesem Fall die Wahrheit für sich behält, sondern sich auch sonst einige sadistische Praktiken abschaut und später gegen andere Kinder im Heim zur Anwendung bringt. Auch die Erzählhaltung ist ambivalent: einerseits dicht an der Hauptfigur, andererseits um einen Gestus der Objektivierung bemüht. Klüssendorf schreibt bei aller Lakonie keine Stammel- oder Stummelprosa, wie sie der Perspektive einer gequälten Halbwüchsigen angemessen erscheinen könnte.

Als das Mädchen zum Vater an die Ostsee aufbricht, der dort als Saisonkellner arbeitet, lautet der Kommentar: „Hier hätte sie eine Chance, sich neu zu erfinden …“ Auch diese allzu heutige Floskel überschreitet den Sprachhorizont einer Pubertierenden um 1970. Wie in Karl Philipp Moritz’ „Anton Reiser“, dem klassischen Roman einer schwer benachteiligten Jugend, gibt es ein Motiv der Rettung: die Flucht zu den Büchern. Zu den Märchen, in denen alles möglich ist, zu Brehms Tierleben mit den Illustrationen, die eine kreatürlich-ästhetische Anderswelt bieten, zu den Romanen von Dumas, Balzac und Hemingway. Am Ende wartet hier allerdings (noch) nicht die Befreiung, sondern eine Lehrstelle als LPG-Rinderzüchterin.

Angelika Klüssendorf: Das Mädchen. Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2011. 182 Seiten, 18,99 €.

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