Kultur : Knackikunst

ANDREAS KRIEGER

Was für ein Theater! Schlecht gelaunte Wächter, dunkle Gänge, ein miefiger Kulturraum, in dem grimmige Häftlinge auf einer lieblosen Bühne Erfahrungsberichte aus dem Gefängnisalltag herunterstottern . . .

Halt! Stop! Aus! Warum beginnen so viele Kritiken über Theater im Gefängnis mit solchen Klischees? Wer das Vergnügen hat, die zweite Inszenierung der Gruppe "La Grande Vie" besprechen zu dürfen, die in der JVA Lichtenberg mit dort inhaftierten Frauen und externen Jurastudenten aufgeführt wird, hat keine Lust, sich mit Nebensächlichkeiten wie den Wächtern (sehr höflich) oder den Gängen (hell und freundlich) aufzuhalten. Der möchte viel lieber vom Einfallsreichtum der Aufführung erzählen, von den wunderbaren Laienschauspielern. Wobei das Wort Laie nicht ganz paßt. Niemand ist Laie, was das Wissen um die eigene Existenz betrifft. Genau davon - von ihren Träumen und Sehnsüchten - sprechen die Verbrecherinnen und Studenten.

Wie schon bei "La Grande Vie, Teil I", der im letzten Winter in der JVA Lichtenberg und an der Volksbühne aufgeführt wurde, haben die Regisseurinnen Saskia Draxler und Gudrun Herrbold auch das neue Stück "Gesetz und Begierde" mit den Beteiligten aus biographischem Material entwickelt. Auf der Bühne, die Donald Becker mit Holzmuster-Tapeten ausgeklebt hat, treffen Personen der Zeitgeschichte aufeinander. Sarah Kane und Silvia Plath, Debbie Harry und Sid Vicious und, und, und . . .

Die Akteure lassen sich von ihren Prominenten-Rollen inspirieren, verstecken sich aber nicht dahinter. Immer wieder deuten sie ihre eigene Geschichte an, ohne die Einzelheiten auszuplaudern. Blond, schön und als Schauspielerin eine Entdeckung ist die Weißrussin Anna Samoilova. Mit ihrem ironischen Lächeln macht sie den übersetzenden Studenten ganz nervös. "Mit 18 hatte ich zuviel Energie", sagt Anna. So lernt sie Autoschlösser knacken. Später arbeitet sie als Lockvogel in einem Striptease-Schuppen. Ein Goldraub geht schief. Anna wird erwischt - ausgerechnet beim Falschparken! "Ich war doof", grinst sie und schiebt melancholisch hinterher: "Es kommt ein Tag, da werde ich frei sein von den Gesetzen."

Wie unsexy die sind, zeigt eine Mini-Parodie auf Jelinek/Schleefs "Sportstück". In Reih und Glied deklamiert die Gruppe bis zur Erschöpfung: "Eine Straftat versucht, wer nach seiner Vorstellung von der Tat zur Verwirklichung des Tatbestandes unmittelbar ansetzt." Trotz witziger Gruppenszenen ist die Inszenierung vor allem eine Feier des Individuums, die Rechtfertigung des Menschen als subjektives Wesen, das sich in einer objektivierenden Welt behaupten muß.

Was für ein Theater! Gänsehaut-, Kicher-, Nachdenk-Theater - gutes Theater!

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