Kultur : Knallbonbon zum Karneval

ULRICH DEUTER

Rumms! Der Starschauspieler wirft sich in die Kulisse, daß die eine Hälfte nach unten sackt, die andere mit ihm in die Höhe rauscht.Ein Darsteller liegt bereits strampelnd am Boden, jetzt verwandeln sich auch die anderen in ein tobendes Knäuel.Sämtliche Prospekte des Schnürbodens fahren auf und nieder, ungeplant erscheint ein Eisbär, der Protagonist kommt wieder herunter und macht sich höhnisch über Text und Autor lustig.Stück veralbert, Abend gerettet - Jubel im Parkett.Doch das Parkett ist auf der Bühne, der Jubel kommt vom Band.Zwei Wochen vor Karneval hat das Schauspiel Köln, wo Fastelovend ein Heilsversprechen bedeutet, nicht mehr abwarten wollen und eine Lachbombe in Richtung Rosenmontag gezündet: "Frédérick oder Boulevard des Verbrechens", das neueste Lustspiel Eric-Emmanuel Schmitts.

Mit seinen Intelligenzschwänken "Enigma", "Der Besucher" und "Der Freigeist" dopt der französische Vergnügungsdichter seit drei Jahren die spaßsüchtigen Theatervenen beiderseits des Rheins.Schmitts Stöffchen sind Mixturen à la Feydeau: einfache Handlung, glänzende Dialoge.Dazu legt der 1960 geborene Doktor der Philosophie seinen Figuren gern die großen Fragen in den Mund - wo sie mit zartem Schmelz zergehen.Im "Besucher" durfte Freud mit Gott parlieren, im "Freigeist" Diderot über Moral; nun präsentiert Schmitt uns Frédérick Lema¬¤tre und wie er die Welt sah.

Den Mann gab es, er war ein Bühnenstar der hier kaum bekannten "romantischen" Periode des französischen Theaters, berühmt für seine dämonische Darstellungsweise.Heine nannte ihn einen "jener fürchterlichen Farceure, bei deren Anblick Thalia vor Entsetzen erbleicht und Melpomene vor Wonne lächelt".Der Film "Kinder des Olymp" zeichnete ein etwas charmanteres Bild.Stoff also für eine Backstage-Comedy! Voilà, wir sind auf dem Pariser "Boulevard du crime", so genannt nach seinen allabendlichen Bühnenleichen.Im Theater Folies Dramatiques im Jahre 1832, einer Melodramenbühne zwischen dem Appetit der Zensurbehörde und dem Unterhaltungsverlangen der Menge, dem Geiz des Prinzipals und der Raff- und Rampengier der Schauspieler - Mühlsteinen, zwischen denen kein Platz ist für Kunst.Lema¬¤tre - eitel, vielgeliebt, großherzig, kühn - ist der Meister alles Dramatischen: Einen ins Theater geflohenen Republikaner rettet er in einem Husarenstreich auf offener Bühne vor den Gendarmen Louis-Philippes; das nichtig-wichtigtuerische Drama eines Debütanten verwandelt er per Travestie in einen Publikumserfolg; in jedem Verbalgefecht führt er das bessere Florett.Doch der große Mime ist auch ein trauriger Clown: er entsagt einer hübschen Kokotte, um die echte Liebe der Tochter des Innenministers zu erwidern.Er trotzt deren so mächtigem wie wütendem Papa, doch begreifend, daß er als Schauspieler - Motto: nur echt im Spiel - zur Liebe nicht fähig ist, verzichtet er auf das Mädchen.Und stirbt zuletzt arm und krank im inzwischen geschlossenen Theater, am verzeihenden Busen der Verlassenen."Frédérick", das von der Ära der Melodramen handelt, ist selbst ein Melodram.Ein Schmachtfetzen von der Größe und Einsamkeit des Schauspielerlebens.

Und Schmitts Witz? Er klemmt im Muster altbekannter Schauspielereifersüchteleien (alternde Diva/ unbegabte junge Schnepfe) und anderen Kantinengeschichten (geiziger Impresario/ dummer Theaterautor); auch die Kritiker kriegen ihr Fett.Ein paar runde Bonmots, zwei, drei blitzende Gemeinheiten; und drumherum ein dreistundenweites Flachland aus Altmännerhumor und anderswo gehörten Witzeleien.

Der Regisseur der deutschen Erstaufführung des im September in Paris mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle herausgekommenen Stücks, Torsten Fischer, war nicht zu beneiden - fast rührte sein Scheitern.Auf der viel zu offenen Bühne (Philippe Miesch) mit ihren hintereinandergestaffelten Portalen und Vorhängen ist das lebensprall Wuselnde der Pariser Boulevards, das unrein Chaotische des Melodrams, das im Stück beschworen wird, von vornherein verloren.Martin Reinke mit seiner verschlafenen Bärigkeit und selbstgefälligen Melancholie ist keine glückliche Besetzung für den Tausendsassa Lematre, seine heisere Velourstimme macht aus Sottisen, die nur mit funkelndem Hochmut gesprochen wirken, übellaunige Schubsereien.Der Inszenierung fehlt jeder Mut zum Scharfen, Grellen, zur Emotion, zur Farce - kurz, zu dem, was das Stück preist: zum Boulevard.Das Ensemble wirkt angestrengt matt; nur Ernst-August Schepmann gibt seinem Autor die Doppelung aus Pathos und Lächerlichkeit, die die Komödie braucht.

Schmitts Knallbonbons platzen zur Zeit auf allen Bühnen, aber "Frédérick" ist nasser Zunder, die Kölner Karnevalsbombe zischte bloß.Und verlosch, je heftiger die Botschaft des Stücks herabtropfte: Wir sollen das Theater lieben, und zwar die Komödie! Das wollen wir gern.Und zwar um ihrer selbst willen, das heißt: Wenn sie gut ist.

Die hier also nicht.

Wieder am 17., 19., 23., 25., 27.Februar, jeweils 19.30 Uhr, 28.Februar, 15 Uhr.

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