Körper als Konzept : Kolbe-Museum zeigt Menschenfiguren

Die Ausstellung zeigt, dass Menschendarstellungen ohne Gesicht oder gar ohne Figur möglich sind. Einige Arbeiten wirken gerade deswegen beunruhigend.

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Der Kontrast könnte krasser nicht sein. Auf der einen Seite eine Gestalt aus mit Lumpen ausgestopften Frauenklamotten, ohne Gesicht, die Beine ausgestellt, ein Knäuel von Kind vor sich haltend wie eine Waffe: eine der verstörenden Figuren Iris Kettners. Gegenüber eine anmutig sinnende Frauengestalt in Marmor: Fritz Klimsch’ „Meditation“ von 1906. Idealisierend die eine, zerstörerisch die andere. Dazwischen liegen hundert Jahre.

Das Georg-Kolbe-Museum in Charlottenburg wird 60. 1950 eröffnete es nach dem Krieg als erstes Westberliner Museum, in Kolbes 1929 erbautem Atelierhaus. Anfangs ausschließlich den Werken seines Stifters gewidmet, dem herausragenden Vertreter der idealistischen Aktplastik, öffnete es sich 1978 der gesamten Bildhauerei des 20. Jahrhunderts und wurde eines der bedeutendsten Bildhauermuseen in Deutschland. Zum Jubiläum wurde nun die Ausstellung „Figur 2010“ eröffnet, die Skulpturen aus der Zeit um 1910 mit Positionen der Gegenwartskunst kontrastiert.

Nach ihren ideologischen Indienstnahmen in Nationalsozialismus und Realsozialismus war die menschliche Figur in der Bildenden Kunst suspekt geworden. In den vergangenen zehn Jahren hat die Bildhauerei jedoch wieder enorm an Gewicht gewonnen. Das sagt Ausstellungsleiter Marc Wellmann, das betonte auch der Bildhauer Tony Cragg, Rektor der Düsseldorfer Akademie, bei seiner Rede zur Neueröffnung des Dresdner Albertinums am Samstag. „Die Kunst übt den verantwortungsvollen Umgang mit dem Material, das uns umgibt“ – das kann auch der Körper selbst sein.

Vor der Wand breitet Ernst Segers Bronze „Jugend“ von 1897 die Arme gen Himmel, wie um demütig die Zukunft zu empfangen. Auf dem Boden vor ihr sind vier kleine Jungen ineinander verkeilt, der oberste hat die Faust zum Schlag erhoben. Die Haare sind echt, die Haut bis in die Adern irritierend real. Seltsam: Die Proportionen von Körper und Kopf sind die ausgewachsener Jugendlicher. Indem Veronika Veit ihre Figuren schrumpft, verleiht sie ihnen eine besonders beunruhigende Wirkung.

Dahinter das Zwillingspaar von Simon Schubert, das dem Eintretenden die Rücken zuwendet und in gelben Kleidchen händchenhaltend beieinander steht. Man geht drum herum, weil jeder Mensch bei seinem Gegenüber das Gesicht braucht. Doch die beiden zeigen keines, sind von hinten wie von vorne kopflos, ähnlich dem Mann in Magrittes Gemälde „Die verbotene Reproduktion“. Jede körperähnliche Figur in einem Raum spricht den Betrachter unmittelbar an, verlangt Identifikation. Bei Simon Schubert wird dieses Versprechen in Endlosschleifen absorbiert. Mit seinen absurden Skulpturen, Faltungen und Installationen bezieht sich der 1976 geborene Künstler auf Samuel Beckett.

Klar, die Kontraste zu Lehmbruch, zu de Fiori, zu Hoetger und Lederer sind riesig. So riesig, dass man sich fragt, ob es die Gegenüberstellungen überhaupt braucht. Die Kombinationen sind oft assoziativ, illustrieren, was schon vorher klar ist. Die Generation Kolbes befreite die menschliche Skulptur von den Repräsentationsaufgaben der Auftragsarbeit und idealisierte den vermeintlich autonomen Körper. Dieser ist heutigen Künstlern weniger selbstverständlich, ist Konzept und Material, das es immer neu zu hinterfragen gilt.

Statt die menschliche Natur zu repräsentieren, sind die Arbeiten der Gegenwart meist erzählerisch, handeln von individuellen Erfahrungen oder gesellschaftlichen Verhältnissen. Wie die Selbstinszenierungen von Mathilde ter Heijne. Sie kleidete einen Abguss ihres eigenen Körpers in die traditionelle Tracht der Mosuo, eines südchinesischen Stammes, der im Matriarchat lebt. Auch Markus Leitsch formte seinen eigenen Körper ab und steckte ihn unter ein Kuhfell – ein Hermaphrodit, der geheimnisvoll mit Tierwelt und Wohndekor verschmilzt.

Die Konzepte, Materialien und Techniken sind vielfältig, auch die Bezüge auf die Kunstgeschichte, wie besonders Klaus Winichners Variaton der Kolbe-Plastik „Große Nacht“ verdeutlicht. Am Ende steht eine wieder fast klassische Position: Vor dem Hintergrund von Kolbes kräftigen, mit der NS-Ideologie verträglichen Statuen aus den dreißiger Jahren wirkt Ubbo Eningas kolosshafter „Boxer“ doppelbödig. Doch platziert auf dem Rollbrett, auf dem sie antransportiert wurde, bewahrt die schwarz gefasste Gipsfigur etwas Provisorisches und Ephemeres.

Die radikalste Reflektion über plastische Menschendarstellung bietet John Isaacs. Er zeigt eine Nachbildung des Felssockels, auf dem üblicherweise Rodins „Denker“ sitzt. Die Figur darf man sich dazu denken.

Sensburger Allee 25, bis 5. September, Di –So 10 bis 18 Uhr.

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