Kultur : Körper ohne Grenzen

Die letzte Ausgabe des Festivals „In Transit“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Sandra Luzina

Eine Männerhand massiert und knetet eine weibliche Brust. „Embodied“ von Cristian Duarte ist nicht nur eine zupackende Performance, sondern widmet sich seinem Objekt – dem ersten, sagen die Psychoanalytiker – mit schöner Ausdauer. „Incarnat“ von Lia Rodrigues stellt nackte Körper aus, die mit Ketchup beschmiert und mit Milch begossen werden. Die Choreografin untersucht das Schockpotenzial der Bilder – und sucht nach den Momenten von Empathie.

Der Brasilien-Schwerpunkt von „In Transit“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt bot extreme Körpererfahrungen. Zum Abschluss lassen es die weißen Punks von Cena 11 noch mal richtig krachen. Die Compagnie aus Florianopolis ist bekannt für ihren hybrid-riskanten Tanz, der bis an die Schmerzgrenze geht. In „Pequenas Frestas de Ficcao sobre Realidade Insistente“ (Feine Risse der Fiktion in einer hartnäckigen Realität) heißt es nun: tanzen bis zum Umfallen.

Wenn Cena 11 ihren letzten CrashTest absolviert hat, dann drängt es auch den Johannes Odenthal danach, sich neu zu bewähren. Den erfahrenen Kulturvermittler zieht es an die Berliner Akademie der Künste, die bekanntlich einen Programmchef sucht und ein verbessertes Profil. Odenthal ist ein leidenschaftlicher Verfechter des interkulturellen Dialogs, er sucht das Gespräch mit Künstlern und Kunsttheoretikern aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Wer ihn bei den Lectures von „In Transit“ moderieren sah, konnte sich davon überzeugen, dass es ihm stets um einen Austausch von gleichberechtigten Partnern geht. In der Akademie ist nun seine Dialogfähigkeit aufs Neue gefragt, denn hier wird er es mit rivalisierenden Stämmen und Häuptlingen zu tun bekommen.

Odenthal, der nach acht Jahren das Haus der Kulturen der Welt verlässt, scheint der Erkenntnis zu folgen, man solle dann gehen, wenn es am schönsten ist. Denn auch in seiner fünften Ausgabe hat das Festival demonstriert, dass es stark in die Hauptstadt ausstrahlt, dass es sich nicht in exotische Randzonen verläuft. Musste Odenthal anfangs noch um Akzeptanz kämpfen, so ging er nun in die Offensive. Zur Eröffnung glückte ihm ein sagenhafter Coup: Das Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan, das seine gewaltige „Cursive“-Trilogie als europäische Erstaufführung zeigte, wurde mit Standing Ovations gefeiert. Nur einen Tag später versetzte Brasiliens Kulturminister Gilberto Gil bei seinem Konzert die Berliner in einen Begeisterungstaumel.

Als Johannes Odenthal anfing, präsentierte er als Erstes das Cloud Gate Dance Theatre mit „Songs of Wanderers“. Das Schlussbild zeigt einen Mönch, der still ausharrt, während Reiskörnchen auf seinen Kopf rieseln und zu einem mächtigen Strom anwachsen. „In Transit“ – das waren viele kleine Reiskörnchen, die das Bewusstsein erhellten. Auch wenn das Festival oft in Insider-Veranstaltungen den Spezialdiskursen huldigte, ermöglichte es doch immer wieder die Begegnung mit wunderbaren Künstlern und kulturellen Grenzgängern, mit tanzenden Priestern, singenden Dichtern und träumenden Politikern. Mit Erleuchteten und Ekstatikern.

„In Transit“ war ein Laboratorium. Immer ging es um neue Formen der künstlerischen Zusammenarbeit. Nun ist Schluss, doch es besteht weiterhin Grund zur Freude: Die „Copa da Cultura“ zur Fußball-Weltmeisterschaft ist noch lange nicht zu Ende. Die Brasilianer machen weiter. Bis zum 9. Juli.

Cena 11 noch einmal am 4.6., HKW

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