Kolumne "Ausgehen": Nichtraucher werden : Lutschbonbons und Alkohol

Zu Jahresbeginn hat man viele gute Vorsätze. Ein Beispiel: Nichtraucher werden. Um das in Berlin durchzuhalten, braucht es da etwas mehr als eine erhöhte Kaffeeration.

Zigarettenstummel und Asche auf einem Tisch.
Ein hässliches Laster: Rauchen.Foto: dpa

Es gibt das schöne Buch „Cigarettes are sublime“ des amerikanischen Soziologen Richard Klein. Leider hat der Autor dieser Zeilen es zwar vor Jahren mal gelesen, jedoch gerade nicht zur Hand. Deshalb kann er alles außer dem Titel, der ja in etwa so viel bedeutet wie „Zigaretten sind erhaben“, nicht wörtlich zitieren. In jedem Fall gibt es da aber die Stelle, an der dargelegt wird, dass das Rauchen von Zigaretten auch deshalb so befriedigend ist, weil dabei eine „time out of time“, eine Heterochronie, entsteht. In diesem fest umgrenzten Zeitrahmen gelingt es Menschen, Distanz zu ihrer Gegenwart zu nehmen, sich zurückzuziehen in eine Beobachtersphäre, die ebenso sicher wie anregend ist. Die anderen Stärken der Zigarette, die orale Befriedigung, dass man etwas zu tun hat, dass sie den Tag strukturiert, sind nur nachgeordnete Pluspunkte.

Nun will diese Kolumne ja immer auch Lebenshilfe sein, wenn auch üblicherweise in Form von Ausgehtipps. Daher rate ich allen, die nun zu Jahresbeginn Nichtraucher werden wollen: Unterschätzen Sie mir nicht diese Erhabenheit! Lassen Sie sich das von einem gesagt sein, der nun schon seit über vier Monaten clean ist: Ihren Verlust gilt es zu kompensieren. Oder zu akzeptieren. Und das schafft man nicht mit Lutschbonbons oder erhöhten Kaffeerationen.

Der erloschene Nikotinfreund unterliegt ständigen Verführungsversuchen

Gerade im weitgehend nichtraucherschutzabholden Berliner Nachtleben unterliegt der erloschene Nikotinfreund ständigen Verführungsversuchen. In Kneipe, Bar und Club – es gilt daher zunächst zu erkennen, dass das, was zwar gleich aussieht und mit den gleichen Leuten bevölkert ist, grundsätzlich anders ist: nämlich ohne den Takt der Zigaretten ebenso struktur- wie freudloser.

Dann erst kann man sich daranmachen, wirkungsvolle Strategien für ein dauerhaft rauchfreies Leben zu entwickeln: Die schmerzstillendste wäre, einfach ein neues Leben zu beginnen, nicht mehr in Kneipen zu gehen, nur noch auf ein Glas Wein rüber zu den rauchfreien Nachbarn ohne Balkon. Die dümmste: weniger Zigaretten durch noch mehr Alkohol zu ersetzen. Aua!

Die beste Strategie: Weitermachen!

Die beste dagegen: weitermachen! Akzeptieren, dass alles irgendwie erdenschwerer ist, die Welt nach Feierabend nicht in drei schnellen Zügen besser wird. Dann gilt es zu warten: darauf, dass sich dieses Gefühl hoher Zufriedenheit, das für erfolgreiche Genussraucher mit Zigaretten verbunden ist, doch irgendwann wieder einstellt. Es bedarf dafür, erfahrungsgemäß, neben einer begründeten Hochstimmung auch fantastischer Gesprächspartner, die alle Tonlagen zwischen Ernst und Albernheit so virtuos beherrschen, wie man es nicht alle Tage erlebt. Solche, wenn man sie nicht schon hat, zu finden, auch das wäre doch mal ein erhabener Vorsatz für 2015. Oder?

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