Kolumne Literaturbetrieb : Das lange Leben

Wie der Stoff den Blick auf die Sprache verstellt: Bernd Cailloux, Christian Kracht und die Frage nach der Literatur, die ihre Zeit überdauert.

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Der Schriftsteller Bernd Cailloux war an diesem Abend, da er in einem Club auf dem Gelände der Berliner Kulturbrauerei lesen sollte, nicht einverstanden mit der einleitenden Vorstellung seiner Person und vor allem seines neuen Romans „Gutgeschriebene Verluste“ durch den Moderator. „Das ist ja alles sehr skelettiert, wie Sie das hier schildern“, murrte Cailloux sogleich. „Sie haben ja gar nichts über die Sprache des Romans gesagt.“ Das stimmte – und doch stellt sich die Frage, ob die Sprache von Cailloux’ Roman besonders großer Rede wert ist. Zumindest liefert sie kein Fett und keine Muskeln – dafür ist sie trotz einer gewissen Schnoddrigkeit und Nonchalance zu umständlich, zu gewunden. Da wimmelt es von merkwürdigen Partizipien wie „die von ihr gefundene, halbwegs originelle Formulierung“, „den auf der Potsdamer herangewunkenen Taxifahrer mussten wir ... , „der Mann besitzt einen gutlaufenden Laden für Kinderspielzeug ...“ Nein, es ist der Stoff, der „Gutgeschriebene Verluste“ zu einem interessanten, lesenswerten Roman macht, das Thema ’68 und die Folgen für den Ich-Erzähler und sein heute noch heikler, aber selbstironischer Umgang damit.

Was wiederum die Frage aufwirft, ob Cailloux mit dem Roman ein Kunstwerk geschaffen hat, das seine Zeit überdauert, so wie es von der allerstrengsten Literaturkritik gern eingefordert wird. Eher nicht, möchte man spontan antworten. Wenngleich das natürlich auch wieder ungerecht ist. Denn mit der Literatur, die nicht nur unverwechselbar ist, sondern auch noch „bleibt“, Jahrzehnte, vielleicht gar Jahrhunderte nach ihrer Entstehung, ist das so eine Sache: Wer kann das schon voraussehen? Oder, um es umgekehrt zu sagen: Kommt einem heute die Lektüre von so manchem Hermann-Hesse-Buch nicht zuweilen vor, als lese man einen Paulo-Coelho-Roman?

Von Vorteil ist es in jedem Fall, eine Sprache, einen Stil zu haben, formal ambitioniert zu sein. Ebenfalls von Vorteil: dranzubleiben, selbst wenn sich jahrelang keiner drum schert, keine Kritik, kein Publikum – eben ein Werk zu schaffen. Von Nachteil wiederum kann sein, mit aller Macht etwas für die Ewigkeit produzieren zu wollen, Verkrampfung tut ja nie gut. Und selbst, wenn sich dann die Kritik an ihre Arbeit macht und brav dem Diktum Schlegels folgt, nicht nur den Eindruck wiederzugeben, den ein literarisches Werk, „gestern oder heute auf diesen oder jenen macht oder gemacht hat, sondern den es immer auf alle Gebildeten machen soll“, insbesondere wenn es gelungen ist, selbst dann ist nicht gesagt, dass diesem Werk ein langes Leben bevorsteht.

Weniger Ausnahmen als inzwischen die Regel jedenfalls scheinen „die Bücher in der Diskussion“ zu sein (ja, auch da hat es Cailloux nicht leicht, da kommt bei ihm West-Berlin-Nostalgie noch vor ’68, und wie lange hält die vor?), die Schnelldreher, die Bücher, über die man eine Saison schwerst debattiert, nur um sich eine Saison später zu fragen: Warum eigentlich? Die Roches, die Hegemanns, ja, selbst die Krachts. Ihre Berechtigung haben sie trotzdem. Denn sie demonstrieren durch die Aufregung, die sie produzieren, wie eine Gesellschaft gerade tickt.

Apropos Kracht: Der „Fall“ war ja schnell geklärt, gewissermaßen. Der Spaß, den die „Imperium“-Lektüre vielen bereitete, drängte sich wieder in den Vordergrund. Und doch kam man auch ein wenig ins Zweifeln, als Kracht in Leipzig erstmals aus seinem Roman las.

Nicht nur, dass er nicht besonders gut vortrug, was ja bestenfalls seiner Aufregung geschuldet war. Beim genauen Zuhören stellte sich bisweilen der Eindruck ein, dass manche „Imperium“- Sätze zu lang waren, dass Kracht über seine vielen Semikola gar nicht mehr hinwegkam, dass die Syntax nicht hinhaute. Das Parodistisch-Zitierende von Krachts Text mochte bei der Lektüre den Blick auf die Satzkonstruktionen verstellt haben. „Einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Zeit und seiner Generation“ hieß es über Kracht während der „Imperium“-Aufregung. Ob das die Nachwelt ebenfalls so sehen wird? Ihn sogar liest? Gutgeschrieben wird schnell – und gutschreiben kann man sich genauso schnell und folgenlos etwas. Gut schreiben, elegant, formvollendet, für die Ewigkeit gar, ist um einiges schwerer.

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