Komische Oper : Ritter Blaubart auf dem Panzerdrehkranz

Walter Felsensteins legendäre Operninszenierungen erscheinen jetzt auf DVD. Es war nicht einfach, sie überhaupt zu filmen. Ein Erfahrungsbericht des langjährigen Chefregisseurs beim DDR-Fernsehen.

Georg Mielke
Felsenstein
Felsenstein bespricht vom Boden aus mit Georg Mielke (2.v.l.) die nächste Einstellung. -Foto: Henschel Verlag

Für Studenten aus dem Ost- wie aus dem Westteil der Stadt hatte der Besuch der Komischen Oper in den fünfziger Jahren Kultstatus: Gründungsintendant Walter Felsenstein überraschte und verzauberte damals das Berliner Publikum mit seinen Inszenierungen. Leider existieren aus den ersten zehn Jahren der Komischen Oper nur kurze Filmpassagen, wie sie in den Kinos als aktuelle Beiträge der Vorfilme üblich waren. Erst Ende der Fünfziger begann sich das Fernsehen auch im ostdeutschen Bereich stärker zu entwickeln. Eine durch moderne Computertechnik verwöhnte Generation kann sich heute kaum noch vorstellen, unter welch abenteuerlichen Bedingungen Dokumentation kultureller Ereignisse erfolgte.

Die DDR kannte im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens nur ein Fernsehprogramm, das schwarz-weiß in Secam ausgestrahlt wurde. Ein wichtiger Sektor war das Bildungsfernsehen, das die Zuschauer mit den Schätzen des kulturellen Erbes vertraut machen sollte. Konzerte, Gastspiele berühmter Solisten, Ausschnitte aus Theater- oder Ballettvorstellungen und Folklore-Veranstaltungen wurden mit den drei großen Kameras eines Ü-Wagens direkt nach Berlin übertragen und gesendet. Elektronische Aufzeichnungsverfahren waren noch unbekannt. Als Behelfslösung filmte eine 16 mm-Kamera im Fernsehzentrum in Berlin-Adlershof während der Sendung das Fernsehbild vom Bildschirm ab. Nur dieser Film konnte aufbewahrt und mit Qualitätseinbußen als Wiederholung gesendet werden.

Ich war damals stellvertretender Redaktionsleiter und 1. Regisseur in der Musikabteilung des Fernsehens. Mit der Sendereihe „Probenbesuche“ versuchten wir, Künstlerpersönlichkeiten bei ihrer Arbeit vorzustellen. Auch Felsenstein gestattete uns mehrfach solche Einblicke, von denen einige auf 35 mm-Film konservierte Reste zur Wende noch vorhanden waren.

Man kann es als ein historisches Ereignis betrachten: Das erste musikdramatische Werk, das vom ostdeutschen Fernsehfunk bereits vor der Sendung in voller Länge aufgezeichnet wurde, war eine Felsenstein-Inszenierung an der Komischen Oper. Es war ein Glücksfall, dass der Umbau des Hauses 1964-66 zusammenfiel mit der Einführung eines neuen, elektromagnetischen Aufzeichnungsverfahrens, mit dem man ganze Fernsehpassagen speichern und in guter Qualität wiedergeben konnte.

Ausschlaggebend für die Zustimmung des Perfektionisten Felsenstein war die Tatsache, dass es sich nicht um eine Life-Übertragung handeln sollte, sondern dass das neue Aufzeichnungsverfahren es erlauben würde, einzelne Abschnitte aufzuzeichnen, sie zu kontrollieren und gegebenenfalls zu wiederholen.

Kostüme und Requisiten seiner poetisch-philosophischen Inszenierung der Janacek-Oper „Das schlaue Füchslein“ wurden also nach Adlershof gebracht und die Bühnendekorationen – entsprechend der Drehbühne der Komischen Oper – auf einem ehemaligen Panzerdrehkranz im Studio 4 aufgebaut. Vier schwere Kameras auf Stativen konnten dort herumfahren und die Spielszenen einfangen. Eine Kamera besaß sogar ein Zoomobjektiv, eine Seltenheit damals.

Auf was wir uns da eingelassen hatten, wurde uns bereits am ersten Aufzeichnungstag klar: Die elektromagnetische Fixierung der Kamerabilder auf einem 35 mm breiten Ampex-Band erlaubte keine nachträgliche Bearbeitung der aufgenommenen Szene. Wenn ein Sänger an einer Stelle nicht ganz synchron war, wenn eins der Kinder, die Schmetterlinge, Igel oder Käfer spielten, an der falschen Stelle den Abhang hinunterrollte oder der Dorfpfarrer die Kneipentür nicht schnell genug schließen konnte, musste die ganze Szene von Anfang an noch einmal aufgenommen werden. Das so entstandene Teilstück der Gesamtaufzeichnung wurde dann mit der Schere abgeschnitten und an das vorhergehende angeklebt, was nur innerhalb einer Schwarzblende möglich war.

Etwas in ihrer Art etwas Einmaliges, nicht Vergleichbares stellen die drei als Farbfilme dokumentierten Bühneninszenierungen Felsensteins an der Komischen Oper „Othello“ (1969), „Hoffmanns Erzählungen“ (1971) und „Ritter Blaubart“ (1972) dar. Da es in der DDR zum damaligen Zeitpunkt (1967/68) noch keine erprobten Möglichkeiten der elektronischen Farbaufzeichnung gab, konnten wir die Leitung des Fernsehens davon überzeugen, dass die Musikabteilung unter Berücksichtigung eventueller Exportchancen die drei Inszenierungen als Farbfilme im DEFA-Studio für Spielfilme in Babelsberg realisieren durfte.

Die nächsten Jahre waren die schönsten in der Zusammenarbeit. Felsenstein und ich saßen viele Abende während der Vorstellung oder auch an Sonn- und Feiertagen in seinem kleinen Intendantenzimmer in der Komischen Oper, um die Drehbücher für diese Projekte zu erarbeiten: Die für die Bühne konzipierten Inszenierungen mussten in filmische Montagesequenzen umgesetzt werden. Dabei machten wir es uns zur Aufgabe, den Zuschauer gewissermaßen an die Hand zu nehmen und ihn durch die genau kalkulierten Kameraeinstellungen so zu führen, dass er den Inszenierungsvorgaben und -absichten mühelos folgen konnte.

Der Autor war von 1961 bis 1991 Chefregisseur in der Musikabteilung (E) des DFF, anschließend Honorarprofessor für Medienregie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Eine DVD-Edition der Firma Arthaus mit sieben Felsenstein-Inszenierungen wird heute um 11 Uhr in der Komischen Oper präsentiert.

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