Komische Oper : Wo die Sonne glüht und der Kaktus blüht

Die Komische Oper gräbt einen Rarität von Emmerich Kalman aus: die Cowgirl-Operette „Arizona Lady“, uraufgeführt 1954. Katharine Mehrling begeistert in der weiblichen Hauptrolle

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Katherine Mehrling
Katherine MehrlingFoto: Gunnar Geller/Komische Oper

„Ihr striegelt, bis es spiegelt!“ Lona Farrell führt ein strenges Regiment auf ihrer Sunshine-Ranch. Seit sie nach dem Tod des Vaters den familiären Pferdezuchtbetrieb nahe der mexikanischen Grenze übernehmen musste, hat die junge Frau gelernt, Cowboys zu kommandieren. Nur mit der kapriziösen Stute „Arizona Lady“ kommt sie nicht zurecht. Dabei soll das Tier doch unbedingt beim nächsten Rennen in Tucson an den Start gehen...

Ein musikalisches Lustspiel, bei der ein Pferd die (stumme) Titelrolle spielt – das ist genau der Stoff, den Barrie Kosky für seine winterliche Repertoire-Ausgrabung sucht. Nach der „Herzogin von Chicago“ und der „Bajadere“ präsentiert der Intendant der Komischen Oper nun schon zum dritten Mal ein vergessenes Werk des ungarischen Operettenmeisters Emmerich Kálmán. In diesem Fall ist es sein allerletztes, dessen Uraufführung 1954 am Stadttheater Bern er nicht mehr miterleben konnte.

Mit „Gräfin Mariza“ und der „Csardasfürstin“ war Kálmán ab 1915 zum schärfsten Konkurrenten Franz Lehárs im Operettenbusiness aufgestiegen. Als er 1940 vor den Nationalsozialisten in die USA fliehen musste, konnte er im Gegensatz zu vielen seiner Künstlerkollegen auch dort sein Leben als Tantiemenmillionär fortführen. Nur ein Broadway-Erfolg gelang ihm nicht. Mit der „Arizona Lady“ zielte er dann auch auf den europäischen Markt. Doch im Nachkriegsdeutschland wollte man auf der Bühne wie im Kino lieber Heimatschmonzetten sehen.

Liebevoll und augenzwinkernd wird das Genre ironisiert

Eine nagelneue Orchestrierung der von Kálmán nur im Klavierauszug fertig gestellten „Arizona Lady“ durch Norbert Biermann hat sich die Komische Oper für die beiden konzertanten Aufführungen geleistet – und Katharine Mehrling als Frontfrau. Im supersexy Cowgirl-Outfit stürmt sie auf die Bühne, ballert in die Luft, schwingt sich rittlings auf einen der am Bühnenrand für die Solisten bereitstehenden Stühle. Sie ist nicht nur Lona Farrell, sondern auch für die Moderation zuständig, führt das Publikum in 100 pausenlosen Minuten durch die reichlich konstruierte Handlung, in der bis zum obligatorischen Kuss-Ende unter anderem ein steckbrieflich gesuchter Viehdieb, ein hinterhältiger Mexikaner von der Nachbarfarm sowie ein großherziger Sheriff tragende Rollen spielen.

Miss Mehrling hat die perfekte Power für die Rolle, beweist im besten Song des Abends (der allerdings aus Kálmáns 1945er „Marinka“ geklaut ist) eindrucksvoll ihre Chansonsängerinnen-Qualitäten. Vor allem aber verfügt sie über die Fähigkeit zur liebevollen, augenzwinkernden Ironisierung des Genres. Die geht Serkan Kaya leider völlig ab. Der Musicaldarsteller, der sonst am Potsdamer Platz den Udo Lindenberg in „Hinterm Horizont“ mimt, nervt kolossal mit seiner berufsjugendlichen „Was geht, Alter?“-Attitüde. Durch die penetrante, plumpe Veralberei seiner Dialoge und Gesangsnummern will er wohl die Unsicherheit überspielen, mit der er sich auf dem ungewohnten Terrain eines Opernhauses bewegt. Und letztlich auch seine Überforderung mit dem Tenorpart.

Serkan Kayas spielt in diesem Sattel- Fest den Pferdeflüsterer Roy Dexter, der nicht nur die dickköpfige Rennstute, sondern auch deren Besitzerin zähmt. Als Charmebolzen vom Dienst glänzt da um so heller Michael Pflumm in der Rolle des Neureichensprösslings Chester Kingsbury jr.: Zauberhaft, wie er mit seiner Buffo-Partnerin Mirka Wagner eine Stepnummer hinlegt, bei der sie mit beringten Fingern über einen hölzernen Notenständer tanzen.

Das hinreißende Knallchargen-Personal komplettieren Jens Larsen als Sheriff mit Professor-Unrat-Optik sowie Stefan Sevenich, der für die Rockrolle der Nachtclub-Tänzerin Bonita zwar keine Oberweite vorweisen kann, dafür aber ein wahrhaft prachtvolles Doppel-D-Kinn. Kai Tietje dirigiert nicht nur das auf der Bühne platzierte Orchester umsichtig durch die Untiefen der schlagerhaften Nummern, sondern greift zwischendurch auch effektvoll zu Mundharmonika und Akkordeon. Und dann schmettern alle zusammen den Arizona-Marsch, rotzfrech dem Modell des damals populären „Oklahoma“-Musicals von Richard Rogers hinterherkomponiert: eine Hymne auf das herrliche Land, wo nicht nur „die Sonne glüht und der Kaktus blüht“, sondern wo sich auch „Grizzlybär“ auf „Fred Astaire“ reimt.

So funktioniert sie eben, die „fantastische Stil-Bouillabaisse“ des Emmerich Kálmán, von der Barrie Kosky in seiner Begrüßungsansprache geschwärmt hat. Umrauscht von herrlichen Hollywood-Harmonien strebt die „Arizona Lady“ im Galopp ihrem Happy End entgegen. Fehlt nur noch der traditionelle Cowboy-Weihnachtssegen: „Lasso Herr nun Frieden werden auf Erden.“

Nur noch einmal, am 30. Dezember um 19.30 Uhr.

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