Kultur : Komm auf meine Couch

Auch Finnen spinnen: Die Performance-Gruppe Nya Rampen lässt sich beim Nordwind-Festival live therapieren. Eine Vorbesprechung.

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Kuscheltruppe. Nya Rampen zeigen ihr neues Stück „Worship!“. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Kuscheltruppe. Nya Rampen zeigen ihr neues Stück „Worship!“. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Für die heißesten Nächte sorgen natürlich die Finnen. Das Nordwind-Festival stellt in seiner vierten Ausgabe die aufregendsten Künstler aus den skandinavischen und baltischen Ländern vor. Die Volksbühne, das Festivalzentrum, öffnet sich der nordischen Kultur – und macht erstmals auch die hauseigene Sauna, die 1974 während der Intendanz von Benno Besson erbaut wurde, für das Publikum zugänglich. Den Aufguss werden finnische Künstler wie etwa der Stimmkünstler Juha Valkeapää, das Smedsensemble oder die Performer von Nya Rampen verabreichen. Letztere werden nicht nur als Saunamaster ins Schwitzen geraten. Die jungen Finnen gelten als Nachwuchshoffnung, seit sie für ihr Projekt „Conte d’Amour“, das sie gemeinsam mit der schwedischen Gruppe Institutet entwickelt haben, den diesjährigen Preis des Theaterfestivals Impulse erhielten. Der Bühnenschocker, der dunkle Obsessionen beleuchtet, wird 2012 beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein.

Mit „Worship!“ legen Nya Rampen nun wieder eine ambitionierte Arbeit vor. In der Performance untersuchen die Finnen das menschliche Bedürfnis, sich zugehörig zu fühlen und an etwas zu glauben. „Jeder braucht das“, sagt Jakob Öhrmann beim Gespräch in der Volksbühne. „Was aber passiert, wenn aus Glauben blinde Anbetung wird?“ Nya Rampen lenken den Fokus aber nicht allein auf das Erstarken des religiösen Fanatismus. Eine weitere Motivation für das Stück war der Rechtsradikalismus, der die offene Gesellschaft in den skandinavischen Ländern bedroht. Da ist es zunächst überraschend, dass Nya Rampen auf Shakespeare zurückgreifen. Sie machen sich in „Worship!“ über sechs Tragödien des Elisabethaners her, von „Romeo und Julia“ bis hin zu „Macbeth“.

„Shakespeare beschreibt in seinen Tragödien Menschen, die in Situationen geraten, die sie nicht bewältigen können – darum rufen sie eine höhere Autorität an“, sagt Öhrmann. Die sieben Szenen handeln aber auch von den sieben Todsünden und deklinieren sieben verschiedene Genres durch, von der Oper bis zum Film. Wie sich Religion und Kunst zueinander verhalten, auch das ist ein Thema, das Nya Rampen aufwerfen. Zugespitzt in der Frage: Ist das Theater unsere neue Kirche?

Mit „Worship!“ setzen die Finnen ihre theatralen Forschungen fort, die sie mit „Best of Dallas“ begannen. In dem Projekt untersuchten sie patriarchalische Machtstrukturen anhand der Charaktere der amerikanischen Soap Opera. „Da der Kern der Gruppe aus drei Männern besteht, liegt es nahe, sich damit auseinanderzusetzen“, findet Rasmus Slätis. Um die „Macht des weißen Mannes“ sei es auch in „Conte d’Amour“ gegangen, dieser unheimlichen Familienaufstellung, die auf den Fall Fritzl zurückgeht. Die Inszenierung ruft ein Gefühl der Klaustrophobie hervor, spielt sie doch in einem Keller, in dem der Vater seine Kinder eingesperrt hält. In einem Triebgefängnis. Die vier Darsteller agieren im Verborgenen, hinter einer Plastikplane. Nur die Kamera hält fest, wenn der Peiniger seinen Gefangenen zu Leibe rückt. Emotionale Abhängigkeit, seelische und körperliche Torturen – die Bilder des Videokünstlers Markus Öhrns sind verstörend, obwohl sie Distanz herstellen. Sie lassen das Grauen erahnen, ohne alles zu zeigen.

„Conte d’Amour“ haben die Finnen übrigens nicht in Helsinki, sondern in der deutschen Hauptstadt erarbeitet. „Wir fanden es inspirierender, in Berlin zu arbeiten. Außerdem ist das Leben hier billiger“, sagt Öhrmann. Der Erfolg hat ihnen einige Türen geöffnet, und so wollen sie noch mindestens zwei Jahre bleiben.

Auch in „Worship!“ sucht die Gruppe wieder nach einer anderen Art des Spiels. Die Finnen sind reif für den Therapeuten. „Den Sommer haben wir in einem Camp verbracht – zusammen mit einem Gestalttherapeuten“, erzählen Sara- Marie Soulié und Lida Kuninga, die das Männertrio von Nya Rampen diesmal ergänzen. Marcus Groth heißt der schwedische Therapeut, der schon mit der Crème der schwedischen Darsteller gearbeitet hat. Nya Rampen wagen nun ein Experiment: Sie bitten den Therapeuten gleich auf die Bühne. Das Unbewusste spielt also mit bei „Worship!“

„Uns interessiert diese Lücke zwischen dem Schauspieler und der Rolle“, erklärt Jakob Öhrmann. „Natürlich ist es unmöglich, auf der Bühne privat zu sein. Aber du kannst es wenigstens versuchen.“ Marcus Groth wird deshalb in die innere Zone locken: Der Therapeut wird live mit den Darstellern eine Sitzung abhalten. „Wir wissen nicht, was passieren wird“, sagt Soulié, „wir haben den Text, aber es wird auch Persönliches einfließen.“ Kuninga ergänzt: „In der Gestalttherapie geht es darum, sich ganz auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren. Wenn uns das gelingt inmitten dieser künstlichen Bühnensituation, können wir etwas anderes zum Ausdruck bringen.“

Nicht nur Nya Rampen geben sich experimentierfreudig: „Viele der eingeladenen Künstler versuchen, neue Wege zu gehen“, sagt die künstlerische Leiterin Ricarda Ciontas zur Auswahl. Nachdem das norwegisch-deutsche Duo Vegard Vinge und Ida Müller im Vorfeld des Festivals mit dem garstigen Ibsen-Marathon im Prater für ein Skandälchen gesorgt hat („Das perverseste Theater Berlins“ titelte „Bild“), stellt sich die Frage: Ist das skandinavische Theater extrem, düster und tabulos? „Das nicht“, entgegnet Ciontas, „aber was alle Arbeiten auszeichnet, ist eine gewisse Radikalität . Es gibt auch extrem energetische Aufführungen, die sehr sehr positiv sind.“

Das Programm des Nordwind-Festivals, das heute in Berlin eröffnet wird und im Dezember nach Hamburg weiterwandert, ist jedenfalls so vielfältig wie noch nie. Es lockt mit bekannten Namen wie Kristian Smeds, Trine Dyrholm, Charlotte Engelkes und Erna Omarsdottir und mit spannenden Newcomern. Freuen darf man sich auf heiße Nächte aus kalten Ländern.

Nordwind-Festival 25.11. bis 4.12.; „Worship!“ von Nya Rampen: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 29. u. 30.11., 19 Uhr

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