Kultur : "Komm in den Garten!": Mit dem Regenschirm über die Mauer

Kerstin Decker

Ist es schlimm, wenn der Prenzlauer Berg jetzt so schön wird? Von Jahr zu Jahr immer nur schöner? Früher waren die Häuser sagenhaft alt, und die Menschen sagenhaft jung. Jedenfalls im Film. Die Häuser voller Spuren, ihre Mieter noch weitgehend spurenlos. Es waren richtige Existentialisten-Häuser. Hinausgehalten-Sein ins Nichts. Allein die Dächer! Wer im Prenzlauer Berg wohnte, verstand Sartre gewissermaßen intuitiv. Heute werden die Häuser immer jünger. Und so merkwürdig spurenlos. Wer liest noch Sartre? Im Prenzlauer Berg kann man ja nicht mal mehr einen richtigen Prenzlauer Berg-Film drehen.

Natürlich, es gibt keinen Charlottenburg-Film, keinen Köpenick-Film, auch den Schmargendorf-Film hat noch kein Mensch erfunden - aber den Prenzlauer Berg-Film gab es wirklich - die Vergangenheitsform ist schon richtig: es gab ihn. Woran erkennt man letztgültig, wenn etwas vorbei ist? Wenn es ins Museum kommt. Und genau das ist dem Prenzlauer-Berg-Film soeben passiert. Man hat eine Ausstellung über ihn gemacht.

Wer am Prenzlauer Berg-Museum vorbeigeht, liest es schon: "Komm in den Garten!", steht da. Begreift man nicht. Oder jedenfalls nicht gleich. Dieses Viertel war vieles, nur eines garantiert noch nie: ein Garten. Trotzdem, genau hier ist es.

Ein Prenzlauer-Berg-Film hatte im Grunde immer dieselbe, bereits erwähnte Handlung. Sehr junge Menschen leben in sehr alten Häusern. Es gab auch Variationen. Die späten Prenzlauer-Berg-Filme spielten nämlich mehr in den alten Häusern, die allerersten mehr davor, schon weil man in den Wohnungen nicht genug Platz gefunden hätte. Außerdem waren doch da bereits die Eltern. Man denke an "Berlin - Ecke Schönhauser" (1957) oder "Berlin um die Ecke": Jugendgangs unter Hochbahnbögen. Wenn "Berlin - Ecke Schönhauser" der erste richtige Prenzlauer-Berg-Film war, dann "Solo Sunny" vielleicht der letzte, auf jeden Fall der berühmteste. Und für beide Filme hat Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch geschrieben.

Irgendwie sah "Solo Sunny" schon immer aus wie ein Abschiedsfilm, ganz sicher war es Konrad Wolfs Abschiedsfilm von der DDR. Diese langen Blicke auf den Prenzlauer Berg, immer wieder in die alten Fenster der alten Häuser. Als läge ein Geheimnis dahinter, mindestens das von Sunny und Ralph. Eine Sängerin und ein Philosoph Mitte zwanzig. Die Zeit, wo der Mensch immerzu unterwegs ist, meistens zu sich selbst. Zum Sozialismus wollten Sunny und Ralph jedenfalls nicht mehr. In der Ausstellung gibt es ein extra Solo-Sunny-Zimmer, das Drehbuch ist szenengenau aufgeschlagen, Seite 28: "Später ist Sunny allein, die Kerzen aus, das Rollo hoch, das Fenster offen. Nachmittagslicht." Genau, Nachmittagslicht. Wenn die Farben plötzlich tiefer werden. Und der Rotwein schon fast wieder alle ist. Allerdings hatte die DDR für Existentialisten nie die richtigen Rotweine.

Aber dafür eben die passenden Wohnungen. Hinterhaus, vier Treppen, Ofenheizung, Außentoilette. Da wohnten sie alle im Film. Bloß das junge Paar aus "Bis dass der Tod euch scheidet", Heiner Carows "Paul und Paula"-Nachfolger ist ins Erdgeschoss gezogen, Dimitroffstraße, heute Danziger. Die Ausstellung hat auch einen Drehort-Stadtplan, wo man genau nachschauen kann, welcher Film wo entstand.

Es ist schon seltsam, dass die besten DEFA-Filme eigentlich Prenzlauer-Berg-Filme waren. Bis auf "Paul und Paula", der spielte in Friedrichshain, aber dahin ist Carow vermutlich nur ausgewichen, weil es dort prenzlauerbergiger aussah und Paulas Straße gesprengt wurde. Manchmal überlegte die DDR schon, ob sie nicht auch den Prenzlauer Berg sprengen sollte, zumindest Teile davon. Sie hielt ihn für arbeiterfeindlich. Zu wenig Licht. Arbeiterfreundlich, dachte sie, wäre eine Beleuchtung wie im einzigen Vor-DEFA-Prenzlauer-Berg-Film. 1941 entstand in der Bruno-Taut-Siedlung "Der Gasmann" mit Heinz Rühmann. "Durchsonnt von Licht und Gesundheit". Gesundheit ist ein ziemlich unexistenzialistischer Zustand. Außerdem, schienen die Häuser nicht immer der vollen Staatssonneneinstrahlung ausgesetzt? Nischen sind grundsätzlich schlecht beleuchtet.

Was von den DEFA-Filmen wirklich bleibt, spielt also in einer recht unsozialistischen Gegend. Was sollte der Sozialismus anderes sein, als die Überwindung des Prenzlauer Bergs. Schon klar also, dass die Prenzlauer-Berg-Filme immer mal wieder verboten wurden, schon der allererste, "Berlin - Ecke Schönhauser" von 1957. Kritiker merkten an, in diesem Film würde nur dreimal die Sonne scheinen. Hans Modrow, in seiner bis heute kaum beachteten Eigenschaft als Cineast, hat "Berlin - Ecke Schönhauser" damals gerettet. Er fand die im Film dargestellte Ost-Jugend trotz geringer Sonneneinstrahlung aufs Territorium der DDR viel fortschrittlicher als die West-Jugend.

Nur ein Film "Fräulein Schmetterling", Drehbuch Christa und Gerhard Wolf, ging gänzlich verloren. Er handelte vom Fliegen im Sozialismus. Junges Mädchen geht durch die Angermünder Straße, die "Gerümpelstraße", findet einen alten Schirm, reißt ihn in der Mitte durch und hat plötzlich zwei Flügel. Mit zwei Flügeln, so dicht an der Mauer? Versuchte Republikflucht also. Wahrscheinlich haben sie "Fräulien Schmetterling" deshalb verboten.

Nun sollte aber niemand glauben, die DEFA hätte den Prenzlauer-Berg-Film erfunden. Das waren vielmehr die Skladanowskys. 1892 kletterte Max Skladanowsky auf das Dach Schönhauser 146, Ecke Kastanienallee und machte die ersten Filmaufnahmen in Deutschland. Woran man erkennt, dass der deutsche Film und der Prenzlauer Berg untrennbar sind. Und zwar von Anfang an.

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